Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
163
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DAS TOHUWABOHU 163

Später.

Heute Nachmittag um halb drei Uhr! fährt es mir durch den Sinn, kaum daß ich in der Frühe erwacht bin, und ich streiche zärtlich die Ziffer auf der Uhr, die ich im Geiste vor mir sehe. Halb drei Uhr, das ist die Stunde, auf welcher ich zum Stelldichein bestellt bin von Rößler, dem Diätkoch. Um halb drei Uhr, da will er mir was schenken als Gegengabe für Goethes italienische Reise, die ich ihm in drei reizenden Bändchen am Vortage verehrte. Ich bin ihm viel Dank schuldig für den Dienst, den er mir vor mehr als Jahresfrist getan, da er mich, als ich halb- verhungert vom Bauplatz in Allach wieder in Dachau lan- dete, mit ganzen Näpfen voll süßen Breis zurechtpäppelte. Da ich weiß, welche Vorliebe er den Büchern entgegen- bringt, hoffte ich ihm eine Freude zu machen mit den entzückenden rotgebundenen Büchlein, die mir der Prag- matiker aus München verschafft hatte. Und siehe, ich hatte seinen Geschmack erraten, und heute soll ich ihn in seiner Küche aufsuchen, diesem von den süßesten Düften um- witterten Ort, in welchem die feinsten Speisen des Lagers verteilt werden. Zum Diätkoch kommen! Das bedeutet mehr als zu einer Audienz bei einem regierenden Fürsten geladen zu sein. Und mir winkt dieses&venement, doppelt bedeutsam in einer Zeit. da das Essen und alles, was zum Essen führt, höher geschätzt wird als alle noch so geschmack- vollen Goethe-Ausgaben der Welt.%3 Uhr.Eilet, ihr Stunden!...... Hoffentlich verschlaf ich nicht, denn ich will mich nach dem Essen ein bißchen aufs Ohr legen, ein Vorrecht, dessen wir erst seit kurzem genießen, während es früher 25 hintendrauf gegeben hätte, wäre es einem ein- gefallen, sich am hellen Tage auf den Strohsack zu legen. Ja, wenns drei oder vier Däg nix zfressat gibt, da ver- recket mir ja alle! jammert mich der Stuttgarter Legionär an.Wie lang kanns der Mensch ohne Essa aushalta?

Lir