Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
162
Einzelbild herunterladen

162

FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

ganzen Tag im Mantel umherläuft, auch immer ein Buch vor der Nase, wohl schon wieder einmal seinen geliebten Heim. Allein ihr Protest wird nicht beachtet; sind sie doch in der Minderzahl, und Mehrzahl gilt!" hier wie anderswo.

-

Das Gespräch kommt auf den Luftangriff, den die ,, Hauptstadt der Bewegung" wieder erlitten hat, das arme München . Viele Menschen sollen wieder unter den Trüm­mern begraben liegen, und niemand ist imstande, ihnen Hilfe zu bringen. Schreckliche Vorstellung, daß sie einem langsamen Tod des Verhungerns ausgesetzt sind, während sich die Sekunden zu Ewigkeiten ausdehnen und doch keine Hilfe bringen. ,, Wenn mich schon eine Bombe trifft, dann gleich hin sein auf einmal! Nur nicht so halb und halb und für das ganze Leben herumlaufen als Krüppel!" sagt der Legionär.- Er scheint ungeteilten Beifall mit dieser Einstellung zu flnden, bis der Biblizist die überraschende Frage stellt: Ja, weißt du denn, ob es dann wirklich aus ist?" ,, Natürlich ist es aus. Weißt du das ganz ge­,, Na also! Aber du muẞt

wiẞ?"

-

-

دو

ઃઃ

,, Nee, woher denn?"

-

دو

-

es ganz gewiß wissen, denn solche Frage duldet keine Un­sicherheit. Die Christen wissen gewiß, daß es nicht aus ist. Das Wichtigste kommt erst noch: Himmel oder Hölle." ,, Haha, hihi, haha! Himmel und Hölle, damit habe ich schon längst aufgeräumt. Die Hauptsache,' s ist gleich aus, dann ist es ganz aus!" ,, Niemand weiß etwas Genaues über das Wie, das nachher kommt. Aber soviel ist sicher: Das Bewußtsein erlischt nicht mit dem Tode, denn nicht der Leib baut die Seele, sondern der Wille den Leib."

-

Jeder blieb bei seiner Meinung, aber eine leise Ahnung, daß das Geheimnisvolle uns nahe ist, und daß sein Flügel­rauschen unsern Geist berührt, scheint doch wachgeworden zu sein.