FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
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nichts mehr davon auf Grund seiner Theorie, daß doch bald alles zu Ende sei. Nun, wir werden sehen.
Der Münchener Landesbischof soll in einem Begleitbrief zum samstäglichen Brotpaket angedeutet haben, daß dies wohl die letzte Sendung sei, da die nötigen Lebensmittel- marken aus dem Reich nicht mehr einträfen. O weh, der Hunger! 5
Windgasse, der Evangelist, ist niedergeschlagen. Ich ver- suche, ihm Mut zuzusprechen; er ist ja ein kranker Mann und durch den Zucker geschwächt, was sich auch geistig auswirkt.„Es dauert nicht mehr allzulange“, sage ich.„Ach, nur ein paar Wochen noch, und wir sind erledigt“, entgegnete er hoffnungslos.„Nun dann ist’s um so besser; es geht nicht hinab, sondern ein Stockwerk höher hinauf, wo aller Hunger ein Ende hat. Da winkt uns die Freiheit, und das genügt.“ So gab ich mir Mühe, den gebrochenen Mann aufzurichten. Zum Schluß raunte ich ihm noch meinen alten Trostvers ins Ohr:
„Er weiß vieltausend Weisen, zu retten von dem Tod;
die Armen will er speisen zur Zeit der Hungersnot; macht frische, rote Wangen auch bei geringem Mahl,
und, die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.“
Doch schien es auch.diesem Lichtlein nicht möglich zu sein, durch die Wolkenschicht zu dringen, die sein ver- düstertes Gemüt ganz eingehüllt hatte.—


