Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

wollte, um ihn mit einer meiner ungezählten Fragen in Verzweiflung zu bringen, erschien just vor dem Schalter ein Scharführer, der den Prinzen von Preußen, Leopold, rufen ließ. Dies ist ein Neffe, nicht ein Enkel Wilhelms II. Er war gleich zur Stelle, und der Scharführer befahl ihm, auf dessen Gesicht sich eine gewisse ängstliche Erregung widerzuspiegeln schien, sich mit seinem ganzen Gepäck fer­tig zu machen; auch sein Sekretär, Baron von Cerini(?), sollte mitkommen.

Auf dem Appellplatz müssen sich sämtliche Juden ver­sammeln, um offenbar ebenfalls abtransportiert zu werden: als Ehreneskorte der SS, wie ein Kumpel spöttisch bemerkt. Wohin die Reise gehen wird? Niemand weiß es gewiß; die Gerüchte lauten seit Wochen: nach Tirol, in die Ötztaler Alpen . Dorthin sind schon längst die Vorräte aus dem sogenannten HWL, dem Hauptwirtschaftslager, in Dutzen­den, ja Hunderten von Eisenbahnwagen verschleppt wor­den. Käufer, der ziemlich genau darüber unterrichtet ist, berichtet uns, daß sie gestern allein sieben Waggons mit feinstem Mehl weggeschickt hätten, außerdem vorher schon jede Art von Lebens- und Genußmittel vom Kakao bis zum russischen Kaviar in ungeheuren Mengen, von denen das ganze Lager monatelang hätte zehren können. Eine ganze Anzahl von D- Zügen stehen bereit, um auch die Herrenmenschen zum Schluß selbst aufzunehmen und ins Gebirge zu entführen hoffentlich auf Nimmerwieder­sehen! Keiner von uns möchte in ihren Schuhen stecken, die knirschenden Reitstiefel sinken im Kurs, gefragt sind jetzt die ungefügen Holzschuhe, in welchen den Menschen wohler zumute ist.

Nein, ihrem Schicksal entgehen sie nicht. Selbst der Biblizist, der die Rachsucht verurteilt, verlangt um der Ge­rechtigkeit willen, daß jeder einzelne vor ein ordentliches Gericht gestellt und abgeurteilt werden muß, sofern er sich