Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
157
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DAS TOHUWABOHU

157 seinen Leib von den Rädern der Lokomotive zermalmen lassen.

Windgasse, der Evangelist, behauptet gelesen zu haben, und zwar im Wehrmachtsbericht, der ihm auf illegale Weise zugänglich gewesen, daß Liebenzell von Amerika besetzt sei: es habe sogar eine Schlacht um das Schwarzwaldstädt­chen getobt. Mein erster Gedanke gilt Angelika. O Gott, schütze du sie und sei, wie du versprochen, ihr Vater, der sie aufnimmt um des Gekreuzigten willen.

Die Ereignisse überstürzen sich. Das Gesetz der Lawine tritt immer mehr in Kraft und beherrscht die Lage, die von Menschen schon längst nicht mehr gemeistert wird.

Wir sind immer noch nicht vom Roten Kreuz über­nommen. Da hat der Hubersepp bis jetzt nicht recht be­halten; aber, sagt er, was nicht ist, kann noch werden. Jeder hat jetzt Parolen auf Lager und brennt darauf, sie loszuwerden; wehe dir, wenn du ihre Echtheit in Zweifel ziehst und andern glaubst! Ein junger Franzose war es, der mir vor einer halben Stunde zuflüsterte: seine Lands­leute seien bei Ulm durchgebrochen und drängten in rasen­der Eile nach München vor.

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Die SS trifft die letzten Vorbereitungen, abzukratzen, nachdem sie schon tagelang die Koffer gepackt hatte. Der Prominentenblock das frühere Hurenhaus wird im Schnellzugstempo geleert. Schacht, von Richthofen, ver­schiedene andere Feldmarschälle und ein Bischof, sowie eine Anzahl staatlicher Würdenträger werden in den Schubraum gebracht. Von deren Anwesenheit hatte ich übrigens keine Ahnung. Man atmet die Auflösung förmlich ein, sie liegt in der Luft, breitet sich als Verwesungsgeruch übers ganze Lager aus. Wie ich Hubersepp in der Kantine sprechen