Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLP

Knaben Hiob vergreifen, den gestern einer von ihnen be­tätschelte, daß er im hohen Bogen an die Ofenecke flog.

Heute abend geht's bunt zu in der Stube: Zigeunermusik. Der schwarze Oskar spielt die Zither, daß es eine Art hat. Wer merkt ihm an, daß er erst zu Beginn der Woche zurück­gekehrt ist vom Katastrophenkommando, einer Art von Sprengkommando, nachdem es erst das Kommando ge­sprengt hat statt der Ruinen. Reich mit Beute beladen ist er angekommen, mit einem Zigeunersack voll Brotkrusten, Konserven und Rauchspeck. Das sind Ausweise, die bei uns für den Zutritt zu den höchsten Gesellschaftskreisen voll­kommen genügen.

Später.

Freund Thurmann lud mich ein, morgen nach der Predigt zu ihm zu kommen: gewiß haben die Münchner wieder etwas geschickt, und ich darf das Teil des Zaungastes ab­holen. Gott ist gütiger gegen mich, als ich es verdiene. Nun, da alle Türen zugeschlagen werden, tut ER unerwartet seine geheimnisvolle Hand auf und reicht uns das Notwendige dar, unser täglich Brot und sogar noch etwas Gutes drauf! Wahrlich, Almosen armet nicht: reichlich vergilt ER mir den armseligen Dienst, den ich dem einen oder andern in den guten Zeiten tun durfte.

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,, Tübingen amerikanisch und dein Heim dazu!" Mit die­ser Post überraschte mich vorhin der Knabe Hiob . Er weiß wohl, was der Ort und der Mann für mein Leben bedeu­teten. Der Freund war heute übrigens in Gefahr, seine Stelle zu verlieren. Zwar machen sie alle das Kreuz vor der Kabelzerlegung, weil dort sehr schmutzige und anstrengende Arbeit verlangt wird. Vor allem friert es die armen Kerls in der kalten Jahreszeit wie die Schneider. Nichtsdesto­weniger zittert Hiob schon bei dem Gedanken, die Arbeit dort verlieren zu können, denn dies hieße so viel wie die