Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
152
Einzelbild herunterladen

J52

FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Der Schlüssel zum Geheimnis liegt in der verborgen seg­nenden Hand dessen,

,, der weiß viel tausend Weisen

zu retten vor dem Tod".

,, Der Hunger siegt diesmal und die Kirche!" Diese philo­sophische Zukunftsschau verdanken wir dem schwäbischen Legionär, der öfter solch zugespitzte Wortspiele von sich gibt, denen man nicht bestreiten kann, daß sie Hand und Fuß haben, weil sie von einem Manne stammen, der etwas von der Welt gesehen hat. ,, Du wirst sehen," fährt er fort, ,, die Pfarrer gewinnen das Spiel; das Volk sieht ein, daß es ohne Glauben nicht auskommt!" Der Biblizist macht gerade von der Bibel her ein Fragezeichen; er ist nicht so ohne weiteres überzeugt davon, weil der Kirche auf Erden kein äußerer Sieg, sondern eine Niederlage in Aussicht gestellt ist am Ende der Tage; sie wird vollständig in die Verein­samung gedrängt werden, bis ER selber wiederkommt, seine Feinde bezwingt und sein Reich sichtbar für alle aufrichtet. Was sich heute freilich vor aller Augen enthüllt, ist dies: über Hitler hat sie gesiegt; er muß mit dem Wort Julians des Abtrünnigen von der Bühne abtreten: Tandem vicisti, Galilaee! ,, So hast du doch gesiegt, Galiläer!"

19. April 1945.

Puh! wie kalt! Das war ein kurzer Lichtblick. Ein unbe­hagliches Klima das, diese Dachauer Wetterstürze! Ein Glück, daß wir die Mäntel noch haben; ich ziehe den meinen den ganzen Tag nicht aus, selbst in der Stube nicht, trotz der wütenden Blicke, die der Pascha nach ihm schickt. Warum sagt er nichts? Traut er dem Wetter nicht mehr? Er war doch sonst nicht so zimperlich. Mich fröstelt so recht von innen heraus. Die Kälte, die zu allen Ritzen des Blocks