Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
151
Einzelbild herunterladen
  

DAS TOHUWABOHU

I5I

zenden Mißbrauch des Heiligtums, während dem Puritanis­mus der calvinischen Holländer diese Seite der Sache keine Beschwerden verursacht; unter der Enge leiden alle: Luthe­raner, Reformierte, Katholiken und Orthodoxe.

Zu allem Unglück ist die Entlassung der Geistlichen plötz­lich abgebremst worden. Zur Tortur der getretenen Hühner­augen tritt also noch die Bedrängnis enttäuschter Hoffnung, vor allem leiden Lackmann, der marianische Lutheraner, und Dittmer sehr darunter.

Von den Entlassenen sind bereits Lebenszeichen vorhan­den, ein erleichtern der Beweis, daß es sich um eine echte Freilassung und nicht bloß um eine betrügerische Attrappe handelt. Einer von ihnen, ein katholischer Priester, hat sich kürzlich heimlicherweise in der Plantage eingeschlichen, wahren Speck und andere sinnenfällige Zeichen seiner wie­dererlangten Freiheit verteilt und erzählt, daß sie alle in der Erzdiözese München- Freising von Kardinal Faulhaber untergebracht worden seien und schon ihres Amtes walteten.

Die Franzosen leben wieder wie die Vögel im Hanf­samen: die Sperre ihrer collis ist aufgehoben, so daß sie sich wieder an allem Süßen und Sauren gütlich tun. Diesmal ist es mir gelungen, mir auch einen Anteil an ihren Gütern zu verschaffen: unter Anwendung meines Handelstalentes gelang es mir, einem von ihnen jene gestreifte Zebramütze aufzutreiben, nach welcher sein ganzes Verlangen stand, die aber so schwer zu bekommen ist wie die lombardische Kai­serkrone. Dafür wurde mir der extraordinäre Genuß, den mir seit meinen Jugendtagen eine Schokoladenrippe ver­schaffte, und ein Stück Honiglebkuchen von Nürnberger Qualität.

Das Abendessen war heute besonders ärmlich. Und doch bin ich satt geworden. War es der Schnittlauch oder der Majoran, den ich aufs trockene Brot fingerdick streute, war es der russisch- englische Aufstrich-- wozu das Grübeln?