150
FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
schändliches Spiel der Täuschung getrieben wird, aus dem statt unserer Befreiung unser Verderben herauswächst. Vor allem gilt es sehr mißtrauisch zu sein gegen alle Andeutungen und Gerüchte, die von den Herrenmenschen selber und gerade ihren Führern ausgehen. Was da und dort aufgeschnappt wird von Häftlingen an Äußerungen über Auflösung des Lagers, seine Übergabe ans Rote Kreuz und ähnliche musikalische Schnörkel, die unsern Ohren sehr annehmbar klingen mögen- ist es glaubhaft, daß die SS ihre geheimsten Pläne ausgerechnet den verachteten und verhaßten Staatsfeinden verraten werde? Oder ist nicht mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß solche Äußerungen gerade absichtlich vor den Ohren der Gefangenen getan werden, um sie irre zu führen?
18. April 1945..
Ein herrliches Wetter! Der April scheint seine angestammte Launenhaftigkeit vergessen zu haben. Er will es an Wärme und Lieblichkeit seinem confrater und Kalendernachbar Mai gleichtun, was ihm auf die Dauer wohl nicht gelingen wird, denn April bleibt April und Mai bleibt Mai. Aber wir rauhen Dachauer, die vom Wetter nicht gerade verwöhnt sind, profitieren gerne von den frühlinghaften Anwandlungen eines launischen Herrschers, feiern die Feste, wie sie fallen und halten uns möglichst außerhalb der zum Bersten gefüllten Blöcke auf. Ich benütze jeden freien Augenblick, um draußen zu lesen, ja sogar zu essen.
Der 26er Block zumal, wo sie durch die Einquartierung der polnischen Klerisei gezwungen wurden, die Kapelle tags in einen Fabriksaal und nachts in einen Schlafraum zu verwandeln, leidet über die Maßen an Überfüllung. Lobhausen, dem feinsinnigen Priester aus Köln , unsrem alten Sigambrer, geht diese Verwandlung der Kapelle sehr nahe, er nennt sie mit einem Seufzer einen an ,, Lästerung" gren


