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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
16. April 1945.
Durch die allmählich erwachenden Sinne der Gestreiften beginnt neues Leben zu kreisen, ein Strom von unterdrücktem Daseinsmut will die ausgedörrten Fluren der Seelen befruchten. Machtvoll bricht aus unterirdischen Tiefen hervor die jähe Freude des Verlierers, der über Nacht zum Gewinner wird. Nicht, daß sich die Genugtuung über die unaufhaltsame Entwicklung der Dinge schon in lauten Außerungen hervorwagte. Aber jedem steht auf dem Gesicht geschrieben: unser Weizen fängt an zu blühen, und nur noch eine Frage weniger Monate oder Wochen oder gar Tage ist's, und die Ernte ist da. Jeder weiß vom andern, was ihn für Gefühle verhaltener Erwartung bewegen, so daß leise Andeutungen genügen, um zu verraten, was in seinem Innersten vorgeht. ,, Wir stecken schon den Kopf durchs Guckloch ins Freie" sagt der eine, und die Pfarrer singen zur Gitarre den Kehrreim: ,, Geht alles wie genudelt, wie geleckt". Unsere Gegenspieler wissen genau, welche Hoffnungen uns bewegen, und daß sie im umgekehrten Verhältnis zu ihren Befürchtungen stehen. Sehen sie in uns bereits die Sieger von morgen, die ihren Untergang nach Stunden vorausberechnen? Wer ermißt die Befriedigung, welche die lange gequälte und tyrannisierte Lagerseele empfindet, die Pläne, die sie hegt? Wer zählt die Fragen, die sie aufwirft in bezug auf die Befreiung: wann? wie? wo? Wen sollte wundern, daß sich in das reine Hell des Siegesbewußtseins das feuerfarbene Rot der Rachgier mischt, wenn die Macht des Hasses aus Urgründen des Seins hervorbricht und Pläne reif zu machen droht, die bisher noch keine feste Gestalt angenommen hatten, aber um so lebhafter Traum und Einbildungskraft im stillen beschäftigten? ,, Wehe, wenn sie losgelassen!" Die angestaute Flut möchte alles überschwemmen, was an Dämmen noch vorhanden, und auch vor den eigenen Reihen nicht haltmachen. Gott


