Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

beata culpa, o sanctificatus peccator, o felix iustificatus, o immensitas pulchritudoque redemptionis omnipotentiae!

Seht, wie manche noch schlemmen an ihren Tischen, mit ihren Autostraßen im Haar! Nun sogar die Franzosen die Waffen haben strecken müssen, weil die Hand des Komman­danten schwer auf ihren Collis wuchtet, die er aus irgend­welchen an den Haaren herbeigezogenen Gründen beschlag­nahmt hat, sind es diese jungen Burschen allein noch, die über vollen Töpfen sitzen. Woher sie sie wohl bezogen haben, die Konservenbüchsen voll Fett und corned beef, die Würfel mit Margarine, die sie auf ihre Brote fingerdick streichen? Eine Ehrenzulage des Kommandanten sind sie gewiß nicht! Der Knabe Hiob muß hungern, aber ,, ehrlich währt am längsten", und es wird ein Tag kommen, wo er sich an den vollen Tisch setzen und sich laben wird an herrlichen Schüsseln, und das mit gutem Gewissen; denn wer zuletzt lacht, der lacht am besten.

Das Radio schweigt, ob auch die Gefangenen noch so aufgeregt um den Mast herumschwirren, das Radio schweigt, wie der ,, V.B."; aber habt gute Ruhe, wir wissen dennoch Bescheid: Naumburg ist genommen, so daß sich der Onkel Sam und der Russe bald werden die Hände reichen können. Nichtsdestoweniger gibt es Gescheite, die mit Eisenhower noch nicht zufrieden sind: ,, Aber in München sind sie noch nicht", heulen sie und wollen fast umkommen vor Ver­zweiflung, wo es doch soweit ist, daß wir den Kopf durchs Loch stecken und in die Freiheit gucken können.