Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

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Hohngelächter zu wirken und mitzulachen. So kommen wir beinahe täglich bei unserm Einrücken an armen Tropfen am Tore vorbei, welchen ein großes Plakat auf die Brust gehängt ist mit der Inschrift: ,, Ich bin schon wieder da!" Noch vor Jahresfrist wurde sogar eine von den Gefangenen bezahlte Kapelle in Bewegung gesetzt, welche mit lustigen Weisen um das zum Appell versammelte Lager herumzog. An der Spitze der Prozession ging oder hinkte der Aus­reißer, welcher außer dem Plakat noch mit einer Papier­krone geziert, des Gespöttes seiner Kameraden sicher war. Diese waren gegen den Flüchtigen heftig aufgebracht, weil man sie gezwungen hatte, so lange auf dem Appellplatz zu stehen, bis er wieder eingeliefert war, und wenn dies Tage und Nächte hindurch dauerte. Aber das war es ja gerade, was man erreichen wollte.

Natürlich sollen diese Strafen eine abschreckende Wir­kung haben. Aber warum fürchtet ihr euch denn so sehr vor jedem einzelnen eurer sonst so verachteten Sklaven, dem es gelingt, ohne eure Zustimmung in die Außenwelt zu entwischen? Habt ihr vielleicht schwerwiegende Gründe zu fürchten, sie könnten ihren Frauen, Müttern und Vätern mehr von den Geheimnissen eurer deutschen Umschulung erzählen, als eurem Rufe als Allerweltsschulmeister zu­träglich ist?

Mittags.

Auch den Frauen der Herrenmenschen in Hannover , Celle und Stade können wir nicht mehr auf ihre Brandbriefe antworten; sie sind wie so manche andere Stadt mit alten, berühmten Namen herausgeschnitten aus dem Leibe des Vaterlandes, edlen Gliedern gleich, die blutige Narben hin­terlassen, ein dauernd Denkmal des Unglücks und der Tor­heit, der Sünde und des Wahnwitzes, eine bleibende War­nung, daß auch der größte Idealismus Verbrechertaten aus