Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Staat in die Schanze zu schlagen, dafür werden sie offen­bar für gut genug erachtet.

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Unter den Sklaven der Besoldung herrscht helle Empö­rung über das Verhalten der Posten, die die Schuld an die­sem Unglück tragen. Es entsteht auf der Kanzlei ein wahrer Tumult, als die Einzelheiten bekannt werden. Die Jugo­slawen äußern sich in sehr freier Weise, wie man es noch vor kurzem in der Gegenwart der Herrenmenschen nicht für möglich gehalten hätte, ohne daß sofort Abführungen und Todesurteile gefolgt wären. Die SS läßt sich sogar auf eine Auseinandersetzung ein, macht aber geltend, daß die Gestreiften selbst schuld seien an der rücksichtslosen Hand­habung der Schießvorschriften, weil man die Erfahrung ge­macht habe, daß einige Häftlinge solche Angriffe benützten, um das Weite zu suchen. Kotter, der Karlsruher Architekt, meint aber, das sei ihr gutes Recht, und in der Tat ist es unverständlich, mit welcher grausamen Wut man Ausreißer peinigt, wenn sie wieder eingefangen und ins Lager zu­rückgebracht werden. Die Behandlung, die sie erfahren, steht in gar keinem Verhältnis zu der Geringfügigkeit ihres Vergehens, das menschlich so wohl verständlich ist, und deutet darauf hin, daß sich unsere Quälgeister hier an einer besonders empfindlichen Stelle getroffen fühlen. Die wieder Eingelieferten werden nicht allein barbarisch hart bestraft, so daß sie oft genug ihr Leben dabei einbüßen: sie werden meist in die Strafkompagnie versetzt und müssen einen roten Fluchtpunkt auf dem Rücken tragen, welcher ge­wissermaßen die Zielscheibe bildet bei etwaigen neuerlichen Versuchen zu fliehen. Nein, man gibt sie darüber hinaus auch noch der Verachtung und dem Spott des ganzen Lagers preis, indem man sie geflissentlich in jeder Weise lächerlich macht, was bei der Geisteshaltung der Häftlinge keine Schwierigkeiten bietet; geben wir uns doch nur allzu bereit­willig dazu her, als Schallverstärker für dieses höllische