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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
einem Tempel Allahs in ein Soldatenlager zu verwandeln verstanden.
Zwischen beide Gruppen eingekeilt, hatten die ehemaligen Herren des Blocks in fieberhafter Eile mit Sack und Pack auf die Blockgasse stürzen müssen, um nur einigermaßen ungerupft aus- und einziehen zu können. Fehlte nur, daß es in Strömen geregnet oder aprilmäßig geschneit hätte, und die Lagermisere wäre voll gewesen. Ein Glück, daß andern Tags eine weitere Zahl entlassen werden sollte, so daß in Erwartung dieses außergewöhnlichen Ereignisses die Herzen unempfindlich für die Nöte der Gegenwart waren. So schwang ich mich denn ebenfalls durch ein Fenster und suchte mich durch dies jahrmarktähnliche Gewühl an meine Freunde heranzupirschen, die Pfarrer Frischke und Lackmann, denen ich für den Fall, daß sie auch unter den für die Freiheit Erkorenen wären, einige Anschriften mitgeben wollte.( Holla, da mischt sich die hysterische Sirene drein die fangen ja beizeiten an noch haben wir nicht einmal mit unserer Arbeit begonnen und sollen schon wieder aufhören? ,, Sie nähern sich! Sie nähern sich!" ein Zeichen, daß uns der Feind auf die Nähte rückt, aber auch davon, daß unsere Befreiung naht!)
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Ich finde die Pfarrherren, mich durchs Gedränge durchschlagend, an einem Tisch beschäftigt. Es ist nicht ganz klar: packen sie ein oder aus? Ein dritter, Pfarrer Rackwitz aus Neukölln , erst vor kurzem zu uns gestoßen, packt offenkundig ein. Er vesperte mit sichtlichem Appetit und ließ sich die Münchener Wurst gut schmecken. Lackmann war guter Laune, seinem jugendlichen Alter entsprechend, während Frischke keineswegs jene frische Stimmung erkennen ließ, die seinem Namen und der Stunde der Entlassung angemessen gewesen wäre. Auf meinen freudigen Hinweis, daß der Augenblick nun da sei, auf den er so manches Jahr gewartet, erwiderte er mit schmerzlichem Lächeln: ,, Ja frei


