FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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,, Bist du Pfarrer?" fragte er streitsüchtig. ,, Ich bin Theologe" belehrte ich ihn in der Hoffnung, er sei dieser Belehrung zugänglich und lasse Gnade für Recht ergehen. Oder wollte er auch den Lautverstärker spielen? Miẞtrauisch beäugte er mich. Schon wollte er mich einlassen. Da fiel ihm eine rettende Prüfmethode ein: ,, Die Losung!" O, nun war ich geliefert. Ich war zwar Theologe, aber kein Blockbewohner, und die Losung wußte ich nicht. Ich mußte erblassen und verstummte.„ Na, siehst du, dann verschwinde!" Und ich verschwand, aber nur um die Ecke. Da herrschte auf der Gasse zwischen polnischem und deutschem Pfarrerblock ein ungeheurer Betrieb. Die gespannten Beziehungen zwischen beiden Sphären schienen plötzlich von einer innigen Verbindung abgelöst worden zu sein. Denn seht, was ging da vor? Die Türen genügten nicht mehr, um den Verkehr zwischen den Stiefbrüdern zu bewältigen; zu den Fenstern sah man sie hineinsteigen, als ob sie nicht rasch genug ins andere Lager gelangen könnten. Was war los? Nun, eine Verlegung, mit überraschender Plötzlichkeit im letzten Augenblick erst angeordnet, so daß alles in der üblichen überstürzten Hast vor sich gehen mußte: der Auszug der Deutschen und der Einzug der Polen . Ja, man staune: die Polen wurden in den deutschen Block verlegt oder vielmehr gestopft geht die Welt unter? Die deutschen Geistlichen mußten zum großen Teil in der Kapelle unterzukommen suchen, aus welcher wiederum die ,, Spazierstöcke zu weichen hatten. Diese waren erst am Nachmittag in den Kirchenraum einquartiert worden, man sah durch die Fenster ihre abgemagerten Gesichter, traurig darüber, daß sie das Nest schon wieder verlassen sollten, in welchem sie sich häuslich niederzulassen gedachten. Auf die Weihe des Ortes nahm man so wenig Rücksicht wie jene türkischen Askers, die im Weltkrieg in der altehrwürdigen Sophienmoschee kampierten und deren Inneres aus
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