Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Wunderbares Evangelium, das selbst in einer so wider­strebenden und widerspruchsvollen Welt wie es das KZ 1st, sich bewährt und seine Siege feiert!

Der Sirenen miẞtöniger, aufreizender Erinnyenchor leitet den Nachmittag ein. Unmutig stellt der Schulmeister aus Lothringen , der auf Pausen und Ferien so erpicht ist wie nur je ein Schulmeister aus Lothringen oder sonst woher, fest, daß es nur Entwarnung sei, und wir andern, bei denen gleichfalls die Arbeitsstunden weniger beliebt sind als die Pausen drin, empfinden die Enttäuschung lebhaft mit.

,, Seit einem Monat warte ich jetzt auf eine Gehaltsüber­weisung an mein Sparkonto. Sagen Sie, wie stellen Sie sich das vor: Soll ich mit meinen Kindern nur von der Dörr­walder Sandluft leben? Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe, aber schließlich hat doch alles einmal ein Ende, auch die längste Geduld. Erfolgt nicht umgehend eine Überweisung, wende ich mich an den Reichsführer. Vielleicht arbeitet dann Ihre Dienststelle etwas schneller. Heil Hitler!

Y. Z."

Solche Verzweiflungsbriefe laufen nicht ganz selten von den Frauen der SS - Männer ein, denen ein doppeltes Un­recht angetan wurde: Einmal sind sie, oft genug gegen ihren Willen, von der Wehrmacht zur SS versetzt worden, und dann hat man sie wegen des Gestrüppes, des unentwirr­baren, von Instanz- und Kompetenzsträuchern, monate- und jahrelang auf den verdienten Sold warten lassen. Besol­dungsstelle, so schreibt sich unsere Firma( lucus a non lu­cendo). Würde sie aber nicht besser von Charles Dickens in ,, Komplikationshauptamt" umgetauft werden?

Der Pförtner vom geistlichen Block war sehr abweisend.