FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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von ihren gestreiften Fetzen umschlottert, so daß ihrer drei darin Platz gefunden hätten.
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10. April 1945.
Soeben las ich verstohlen den Wehrmachtsbericht. Schon bei den ersten Sätzen stockte mir das Blut: südlich Mergent heim haben heftige Kämpfe stattgefunden! In der Tauberach, wo die Höfe meiner fränkischen Vetgegend also tern liegen. Das Unwetter wird doch nicht gerade sie getroffen haben! Das verhüte Gott . Ist es nicht genug, daß ihren Vetter der Blitz getroffen hat, sollen auch sie unstet werden und flüchtig? Seit Jahrhunderten haben diese stillen Fluren des Krieges grelle Fackel nicht flammen sehen, die ihren fahlen Schein nun über die entlegensten Weiler wirft. Eine grausige Vision taucht mir vor der Seele auf und will mich nicht loslassen: das liebe alte Bauernhaus, drin die Mutter geboren, eine Ruine; Kühe und Schafe, Ochsen und Schweine fortgetrieben, geflüchtet die arme Marie samt ihrem Fritz, dem noch im Alter Rührigen! Da fällt mein Blick noch einmal auf die schwarzen, rotunterstrichenen Lettern der Überschrift:„ ,, Kämpfe südwestlich Mergentheim ." Südwestlich, das gibt eine kleine Hoffnung, denn die drei Höfe liegen östlich der Straße, welche die Heere von Mergentheim nach Crailsheim zogen. O Gott, halte du um des Gekreuzigten willen deine Hand über ihnen, die des Häftlings gedachten in seiner Verlassenheit! Ich atme auf. Vielleicht wird mir der bitterste Tropfen des Kelches erspart, vielleicht finde ich sie unversehrt wieder, die Lieben! Und bei ihnen die letzte Zufluchtsstätte samt der paar Habseligkeiten, die sie ihnen aus Berlin gesandt, daß sie hindurchgerettet würden mit den Aufzeichnungen, Gedichten und Tagebüchern. Schon hatte ich manchen Freund eingeladen, nach der Befreiung einige Wochen mitzukommen, um sich in der Weltabgeschiedenheit dieser hohenloheschen Winkel unfern Rothen
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