FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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oben erhalten, die Lager zu übergeben". So angenehm. das freilich den Ohren der Häftlinge klingen mag, so ist es beinahe zu schön, um wahr zu sein. Der Parolenmüller machte eine wichtige Sache draus, beschwor mich, kein Wörtchen zu verraten, es koste ihn den Hals, da es nur eine Quelle gäbe und er sonst verraten sei. Doch hörte ich dessen ungeachtet heute im Kommando ohne mein Zutun dieselbe Parole, sie scheint also nicht so ganz konkurrenzlos zu sein, wie sich's der Inhaber von Fabischs Parolenmühle im übertriebenen Bewußtsein des Alleinverkäufers eingebildet hatte. Wie stimmt diese Nachricht übrigens mit dem Bericht von anderen Häftlingen, welche erzählen, daß sie Dachau bereits befestigen, daß Straßen aufgerissen und Pallisaden angelegt werden, überein? Die beste Lösung wäre es jedenfalls, aber wann hätten Verblendete jemals die beste Lösung ausgesucht? Hungerhalluzinationen? Und nun sei willkommen, Hunger; willkommen sei, notvolles Fasten! Vom Montag ab wird der Brotkorb höher gehängt: sie sagen viermal ein Sechstel Brot, zweimal ein Achtel, einmal ein Fünftel. Das sind gar kleine Stückchen gegen den großen Hunger. Jetzt schon wiederholen sich die Sachsenhauser Zeiten, wo ich mich vor Elend nur mit Mühe die Stufen der Treppe emporziehen konnte. Ich bin vollständig ausgepowert, dazu kommt das Versagen von Blase und Darm, das mich jede Nacht 5 bis 1omal in die Kälte hinausjagt. Dieser Porzellanstaub! Er soll sehr schädlich sein und hat mir den Treff gegeben. Vielleicht war es hohe Zeit, daß ich wegkam ,, mein Unglück war mein Glück". Die Ärzte lehnen eine Untersuchung ab. Wenn du nicht ein Blockpascha oder ein schöner Polenjüngling bist oder ein Franzose, der in jeder Hand ein Paket trägt, dann fehlt es dir an den nötigen Ausweispapieren, es sei denn, du hast 40° Fieber, sagt M., der Schimpfer. Das ist zwar übertrieben, aber ein Korn Wahrheit steckt drin.


