Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Bei Mergentheim wird gekämpft! Spricht das nicht Bände? Marie, Fritz, Georg, Rösle, sie hören jetzt wohl schon den Donner der Kanonen. Vielleicht sind sie bereits amerikanisch? Welche Erinnerungen an unvergeßliche Stu­dentenferien tauchen auf! Was haben sie alles dem wer­denden Manne Gutes getan! Gott schütze sie und vergelte ihnen die Wohltaten besser als ich Undankbarer das tat! Hubersepp behauptet, daß man auch hier schon das Brummen von Geschützen hören könne. Sie können also nicht weiter als 150 Kilometer von Dachau entfernt sein. Allerhand! Nun, wir werden sehen. Alles atmet erleichtert auf. Wenn ich mich nicht täusche, beginnt die Nervosität zu weichen auf unserer Seite ist der Sieg!

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6. April 1945.

Alles wundert sich über die Entlassung der Pfarrer. Kein Block war ,, vorn" so verhaßt wie der sechsundzwanziger, niemand wurde so schikaniert wie die katholischen Priester, es sei denn das Häuflein der lutherischen und reformierten Prediger, die ihnen vielleicht noch unleidlicher erschienen, weil ihre an dem biblischen Wirklichkeitssinn geschulte Nüchternheit unüberbietbar war und die Menschen instand setzte, den blauen Dunst zu durchschauen, den gewisse Leute der Welt vormachen möchten. Es gab auch Zeiten, in denen der Block unversehens zu Ehren kam, wie vor drei Jahren, als die Parias von heute auf morgen zu Bevor­zugten wurden, welchen Kakao, Bier, Wein und Sonder­kost gereicht wurde und die nichts zu arbeiten brauchten, sondern noch eine mittägliche Bettruhe verordnet be­kamen. Aber dies hatte seine besonderen Gründe es soll eine Stiftung des Vatikans vorgelegen haben--, und bald sank die schöne Flamme wieder in sich selbst zusammen: die alte Leier der Drangsalierung und Beschimpfung wurde von neuem gespielt.