FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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sie wohl selbst nicht, sonst würden sie die einzig richtige Folgerung aus diesem Unsinn ziehen: Schluß machen, und zwar sofort! Ist's nicht wie ein Symbol: Dachau die einzige Hoffnung, der Turm, der gehalten wird und verteidigt bis zum letzten Blutstropfen, wenn das Reich schon dem Feinde gehört.
Und was wird aus uns bei diesem Massenansturm der Roten , Grünen, Schwarzen, Gelben? Nun, da läßt man sich keine grauen Haare wachsen wenn das die größte Sorge wäre! Je mehr ihrer werden, die sich in die Suppe teilen müssen, desto dünner wird sie, und wenn sie selbst dabei dünn und dünner werden, desto besser: wir stehen ja auf dem Aussterbeetat, und vielleicht läßt sich der natürlichen Entwicklung noch ein wenig künstlich oder gewaltsam nachhelfen?
Überglücklich bin ich, daß ich das ABC nun doch kann. Mein hoher Vorgesetzter, der Schulmeister aus Lothringen , hatte ja zu Anfang verschiedene Male angedeutet, daß er eine völlige Beherrschung dieser Grundtafel europäischer Bildung bei mir bezweifeln müsse. Es seien Fälle vorgekommen, bedauerliche Fälle, daß Bäbele vor Abele gekommen sei und das sei gegen das ABC, nach welchem das A vor dem B zu rangieren die Ehre habe. Ich wehrte mich zwar mit dem Hinweis darauf, daß ich dabei sei, gerade das neunte oder zehnte ABC zu erlernen, es wäre doch ein Armutszeugnis, wenn ein solcher Sprachdoktor just das eigene ABC nicht könne: wo bliebe da der sittigende Einfluß der Wissenschaft? Nun bin ich glücklich, daß sich die Wolken zerstreuten und ich nicht mehr auf einer Bank mit den ABC- Schützen sitzen muß. Der Schulmeister selbst hat es heute durchblicken lassen, meine Fortschritte seien bemerkenswert und berechtigten zu der Hoffnung, daß ich mich bei Kriegsende dem kleinen Einmaleins zuwenden könne.


