Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

O sanctificatus peccator!

Das Radio schweigt, aber wir wissen dennoch Bescheid.

Unser Weizen fängt zu blühen an.

Nur keine Rachepläne, aber wehe den Quälgeistern!

Die Herrenmenschen rüsten heimlich zur Abreise.

,, Der Hunger siegt diesmal und die Kirche."

Auf Block 4 herrscht Jahrmarkttreiben und Zigeunermusik.

Alle Türen sind zugeschlagen, aber von München öffnet sich ein Fenster.

Hiob fürchtet die Stelle zu verlieren.

,, Heiliger Baal des Himmels...!"

Statt fluchen beten!

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Schreckliches Geschick der Gestreiften: tatenlos sind wir dem Unheil ausgeliefert.

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die letzte Zuflucht!

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2. April 1945. Dachau Dachau als letzte Zitadelle Himmlers ! Alle Anzeichen deuten darauf, daß unser rühmlich bekannter Ort als letzter Hort der recht­gläubigen Hitleristen in die Geschichte eingehen wird. Ein Transport nach dem andern trifft ein, größtenteils zu Fuß. Gestern kamen 3000 Gestreifte aus Neckarelz oder Leon­berg an, Jammergestalten, ausgemergelt, halb verhungert und ganz abgerissen, wie Landstreicher und verlorene Söhne. Weitere 30 000 Heimkehrer sind aus unserer Konkurrenz­stadt Buchenwalde bei Weimar angemeldet, ferner, daß das Haus voll werde, 180 000 Kriegsgefangene. Lagerdämme­rung! Wo sie mit dieser Völkerwanderung hin wollen, wissen