Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

kolade, die Biskuits und die Fruchtschnitten sogar mit un­seren Nasen riechen! Andererseits, wer zweifelt an der Glaubwürdigkeit der Beobachtungen des ,, Völkischen Beob­achters"? Wer kann, wer darf an ihnen zweifeln? Schwell­has, der Schönfärber, weiß einen Ausweg: Es ist alles nur Schaufensterdekoration, französische Propaganda! Ausge­zeichnet! Na, dann ist es jedenfalls eine sehr schmackhafte und nahrhafte Propaganda, und wirksam dazu- Hut ab vor dem, der sie ausgeheckt! Von ihm könnte vielleicht sogar Herr Dr. Goebbels noch etwas lernen, aus dessen Küche weniger nahrhafte Gerichte und Gerüchte kommen sie lassen uns mit hungrigem Magen zurück.

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Jetzt wäre im Lager mancher gern Franzose, der ihnen im letzen Sommer, als sie der Leichengeruch ihres Vieh­wagentransportes umduftete, zehn Schritte aus dem Wege

ging.

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29. März 1945.

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Der ,, V.B." kommt wirklich nicht mehr, obwohl wir ihn bezahlt haben. Sie haben wohl die Uhr abstellen wollen. Was macht's? Wir brauchen nicht mehr auf die Uhr zu sehen, wir wissen doch, wieviel es geschlagen hat. Die Amerikaner sind schon bei Nürnberg , dem Kleinod Alt­deutschlands. Wie konnte das verkalkte Generalshirn Eisen­howers nur solch einen phantastischen Plan aushecken und ausführen, wo ihn doch die deutsche Zensur auf das Alten­teil der unschöpferischen, phantasielosen Militärs gesetzt hat, die nichts Neues mehr hervorbringen? Schweres Rätsel für den ,, V.B."!

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Gründonnerstag 1945.

In aller Frühe machte ich mich auf den Weg nach Block 26, um die Andacht mitzufeiern, die zugleich als eine Art Ab­schiedsstunde für die Entlassenen gedacht war. Windgasse, der Evangelist, hielt die Ansprache über ein Wort aus der Leidensgeschichte, worin er sich auch als Meister der Form