Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
91
Einzelbild herunterladen

DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

91 28. März 1945.

Die grande nation zeigt sich großzügig ihren gefangenen Kindern gegenüber: gestern sollen weitere 8 Waggons ge­stopft voll mit Päckchen angekommen sein. Da kommen, wie ein Mathematikus ausgerechnet hat, auf den einzelnen Franzmann so Pakete. Schon bemächtigt sich die Einbil­dungskraft dieser Wagen: zu Ostern, heißt es, werden diese Kollis auf alle verteilt, so daß jeder ohne Unterschied ein Osterei auf französische Staatskosten erhielte. Das nenne ich eine Parole! Süß wie die Dattelfruchtpaste aus Afrika ! Nur, daß das bittere Ende nachkommen wird: die Lager­leitung wird es niemals zugeben, daß sich die reichsdeut­schen Häftlinge würdelos von einer internationalen Ver­einigung, wie es das Rote Kreuz ist, füttern lassen, mögen sie noch so sehr Hunger leiden.- Hunger leiden- müs­sen das die Häftlinge? Niemals, solange sie von einer deut­schen Gestapo betreut sind! Und wenn sie es müßten, so wäre es besser, als sich von Bettelsuppen ernähren! Na ja, jeder nach seinem Gusto, der point d'honneur gewinnt bei knurrendem Magen übrigens ein eigenartiges Aussehen, und ich habe erlebt, daß mancher vom Thron seiner gesellschaft­lichen Vorurteile herabgestiegen ist, um vor dem Hunger zu kapitulieren.

Aus dem Herrn Regierungsrat wurde ein gewöhnlicher Bettelsack. Fürs Betteln stimme ich schon deswegen nicht, weil mir das Psalmwort immer wieder durchs Herz geht: ,, Ich habe noch nie den Gerechten betteln sehen noch seinen Samen nach Brot gehen." Aber ein Stück Brot annehmen, das dir ein Freund anbietet oder ihn um Aushilfe bitten, wenn du in Verlegenheit bist, das ist nicht gegen Gottes Gebot und auch nicht gegen die Ehre.

Daß aus dem verhungernden Frankreich alle diese Schätze kommen sollen höchst sonderbar! Aber wer dürfte daran zweifeln, da wir es mit eigenen Augen sehen und die Scho­

-