Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

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Am Mittwoch vor Ostern.

Auf dem Pfarrerblock herrschte Hochstimmung, so daß es ein leichtes war, den Torwächter zu überrumpeln und in das Weihtum einzudringen. Ein Wunder ist geschehen: ganz überraschend sind 20 Pfarrer entlassen worden und weitere 20 sollen folgen. So ist es kein Wunder, daß der Pförtner aus dem Häuschen war und, beide Augen zu­drückend, mich nicht zu bemerken geruhte. Ich wischte also bis zur 3. Stube, in welcher die reformierten und luthe­rischen Herren zusammengepfercht lagen, deren Äußeres übrigens mitunter sehr bunt und wenig dem geistlichen Stande angemessen war o ihr Pfarrfrauen, was machtet ihr für Augen, sähet ihr eure Hochwürden in solchem Fast­nachtsaufzug! Meinen Freund Reger konnte ich in dem froherregten Schwarm leider nicht entdecken und mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen. Für den Fall, daß er unter den Beglückten wäre, hätte ich ihn bitten wollen, in München etwas für mich zu tun von wegen der Brotmarken, auch dafür zu sorgen, daß mein Anteil an der Speisung aufrecht erhalten bleibe aus Gnad und Barmherzigkeit natürlich. Übrigens hatte auch Pfarrer Kaiser aus Dresden einen Wink bekommen, daß er auf der glücklichen Liste stehe. Ich ging gerade vorüber, als er sich von dem Knaben Hiob , seinem Landsmann, herzlich verabschiedete unter Anfügung eines herzbewegenden Carmens aus dem Stegreif.

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Später, bei einem zweiten Einfall in Block 26, der mir unter Ausnützung der ungewöhnlichen Umstände ebenfalls gelang, traf ich Pfarrer Reger in jugendlichfrischer Stim­mung an und fand für mein Anliegen geneigtes Gehör. Er meinte, am Fest, wenn die übliche Zahl von Broten aus München einlaufe, während doch die meisten Anwärter bereits abgereist seien, müsse ja auf den einzelnen ein sehr großer Anteil fallen, was, falls die Voraussetzungen zu­treffen, allerdings unbestreitbar wäre.