Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

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wir werden aus dieser Räuberhöhle keinen Pfennig heraus­bringen."

Wir vermissen den Besuch unseres Beraters aus München , des ,, V.B.". Angeblich soll er das Lager nicht mehr betreten, da man sich von seinem Einfluß auf uns nichts Gutes mehr verspricht. Schade! Wer liefert uns nun das Papier für Zwecke der Reinlichkeit in Zukunft? Die äußere Hygiene ist sichtlich bedroht. Die innere wird desto mehr gewinnen, hoffen wir.

Auf einen Sitz sind gestern 5 Pfarrer entlassen worden und heute weitere 40. Gestern waren es nur katholische Priester, unter den heute Entlassenen sollen auch einige evangelische Geistliche sein, man spricht von Reger und Schivelbein.

Ich war diesen Morgen in der Andacht, bin geschwind hereingewischt. Das Kreuz war nach katholischem Brauch als in der Karwoche verhängt, dagegen war Marias Bild wieder enthüllt.

Der Hunger steigt im gleichen Verhältnis, wie die Aus­sicht auf Sieg fällt. Von heute an nur noch ein Achtel Brot im Tag.

Mit Windgasse, dem Evangelisten, hatte ich soeben eine Unterredung über die biblische Einleitung, welche ich gestern über Hebräer 10 im Laienkreis hielt. Der Grundgedanke war: ,, Unsere Heiligung allein durch den Glauben! Christus ist auch unsere Heiligung." Ich freute mich, daß W. voll­kommen einig mit mir war. Ich schreibe dies übrigens doppelt illegal im Pfarrerblock. Ich atme immer auf, wenn ich einmal ein Viertelstündchen in dieser Ecke verträumen kann. Es herrscht doch eine ganz andere Luft hier, trotz der herben Selbstkritik, die manche der geistlichen Herren an den confratribus üben.

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