Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

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freie Sicht zu geben. So oft ich in der Nacht aufstand, durchwogte mich das Gefühl der nahen Freiheit. Es geht vorwärts! Vorwärts! Die andern meinen: rückwärts! Sind wir Fremdlinge, meinen wir es nicht gut mit unserem Vaterlande, wir Ausgestoßenen?

In 5 Sprachen ist uns gestern vom Blockpascha das Ver- bot verkündet worden, über den Krieg oder auch die Lage nur ein Wort zu sprechen. Schwere Strafen werden den Übertretern angedroht. Si tacuisses, prudens fuisses: das Verbot verrät uns über dieLage mehr als irgendein Parolenmüller. Übrigens tut es vorläufig seine Wirkung. Die Gespräche sind verstummt. Jeder nimmt sich zusam- men, denn keiner möchte aufgehängt werden für nichts und wieder nichts:Mancher kommt zu großem Unglück durch sein eigen Maul, wie es in den Sprüchen Salomonis heißt. Wir müssen uns ja nicht nur vor den Uniformierten in acht nehmen, sondern auch vor ihren Helfershelfern im gestreiften Gewand. Wir wissen aus sicherer Quelle, daß Spitzel genug darunter sind. Ehe sichs mancher versehen hatte, hing, er am Baum, weil er auf der Lagerstraße ein Wort hatte fallen lassen, das besser ungesagt geblieben wäre. Vorn hat mans ihm vorgehalten, und zu seinem Ärger erfuhr er, daß er einem Verräter in die Hände gefallen war.

Zugleich wurde dem Lager: die Trauerbotschaft eröffnet, daß bei der diesjährigen Bestandsaufnahme Gegenstände im Werte von nicht weniger als 150000 RM fehlen. Wir sollen nun die verschwundenen Löffel, Messer, Näpfe, Dek- ken umgehend zur reuigen Rückkehr veranlassen, widrigen- falls wir für ihre Abwesenheit haftbar gemacht werden und den Schaden tragen sollen. Cui bono? fragen manche Ad- vokatengemüter und scheuen sich nicht, einen gräßlichen Verdacht gegen die Herrenmenschen auszusprechen.Sie habens auf unsere Konten abgesehen und suchen eine Handhabe, um sie zu beschlagnahmen. Ihr werdet sehen,