Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

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die Geschichte, wie Dr. Goebbels neulich( im ,, Reich") an­deutete, doch zur Hure. Man beginnt die Götzen, die man sich selbst gezimmert, die aber nicht helfen wollen, mit Peitschenhieben zu behandeln, um sie kirre zu machen, wie die Chinesen zu tun pflegen, wenn der erbetene Regen aus­bleibt. ,, Baal, erhöre uns!"- Wie, du erhörst uns nicht? dann hörst du wohl überhaupt nicht, und wir schneiden dir, einen Augenblick, die nutzlosen Ohren ab, du un­nützer Geselle.

Später.

Die ersten revolutionären Auswirkungen stellen sich ein: Willi, der sonst so ängstliche Pedant und Schulmeister, ord­net an, daß der Boden nur gespritzt wird, zu fegen brau­chen wir nur noch jeden andern Tag. Sonst fehlt es indessen noch sehr an fühlbaren Folgen der Erneuerung. Oder ließ der Capo Deutsch nicht jeden Schwung zur Umkehr ver­missen, als er dem wehrlosen Knaben Hiob eine Ohrfeige aufklebte aus dem einzigen Grunde, weil der ihn gehorm­samst gebeten hatte ,,, austreten" zu dürfen.

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28. März 1945.

Die Erregung über die stündlich erwarteten Fallschirm­Amerikaner flaut merklich ab. Nachdem wir heute morgen erwacht waren, ohne daß sich irgend etwas geändert hätte ( daß wir etwa als amerikanische Staatsbürger aufstünden), beruhigten sich allmählich die Gemüter wieder, ja, es hat sie sogar eine gewisse Ernüchterung ergriffen, wie man es immer beobachten kann, wenn hochgespannte Erwartungen zögern, sich zu erfüllen.

Fabischs Parolenmühle gibt kein Mehl mehr ab, dagegen die Losung aus: ,, Speak easy, speak easy! Denn sonst kostets dich deinen Kopf!" Was ich hörte, hörte ich denn nur im Geflüster ins eigene Ohr, aber es genügte, um mir