Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

bleibt, ein Maßstab, der mir von Jugend an fremd war, da ich als Sohn eines Konditors auf den Gaumen sehe und nicht frage: wie dick? sondern: wie gut?

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Den Winkel habe ich nötig, weil ich mich neu einkleiden lassen muß. In der Besoldung trägt man ,, Zivil"! Das riecht ja nach halber Freiheit; kein Zebrarock mehr, sondern.... Indessen fürchtete ich nichts so sehr als diese Zivilisten­kleider. Denn wir hatten sie stark im Verdacht, daß sie Menschen gehört hatten, die vielleicht in ihnen umgebracht oder sonst unglücklich gemacht worden waren scheinlich französischen Juden. Freiwillig hätte mich keine Macht der Welt dazu bringen können, in ein solches Paar Hosen zu schlüpfen, und wären sie aus feinstem Kammgarn und mit Bügelfalten verziert gewesen. Aber nun. gab es solcher eleganten Stücke nur ganz wenige. Was die SS übrig­gelassen, das fischten gewissenhaft die Lagergünstlinge her­aus, die Leute, die am wenigsten zu arbeiten hatten und darum auch am schonendsten mit dem Gewand umgehen konnten nichts war zweckmäßiger als das! Gewiß doch! Seit meinem Aufenthalt im Stehbunker bin ich sozu­sagen Freiwild, das jeder jagen kann, der Lust und das nötige Jägertalent dazu hat. Die Jäger machen auch aus­giebigen Gebrauch von ihrem vermeintlichen Recht, geht ihnen doch der Blockpharao mit gutem Beispiel voran. Den Abortdienst, der mir strafweise aufgehängt wurde, habe ich gestern unter starker Beteiligung des Publikums ange­treten. Keiner wollte es sich entgehen lassen, das Schau­spiel, wie ein alter Lagerhase und ehemaliger Blockhilfs­schreiber Strafdienst tut. Sogar mein Blockältester von anno dazumal, Hax, konnte es sich nicht verkneifen, dem Schauspiel, auf einem der Throne sitzend, welche als natür­liche Sperrsitze und Lauben an diesem Orte zur Verfügung stehen, beizuwohnen. Doch unterdrückte er, zu seiner Ehre sei's gesagt, jede Bemerkung seiner Capo- Zunge, die ebenso

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