Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

ständigen, daß ich ihnen das Beste, das es in der deutschen Sprache gibt, zu dolmetschen vermag: die Bibel.

20. März 1945.

Ich bin trotz der Ohrfeige fleißig hinter dem Russischen her, nulla dies sine linea. Es kann nicht mehr lange dauern, so sitzt die. Grammatik. Ob der Krieg noch vorher zu Ende geht? Der Parolenmüller meint es unbedingt. In vierzehn Tagen sei alles zu Ende, meint er. Aber das sagt er schon, so lange ich ihn kenne... Wäre es nach ihm ge­gangen, so hätten wir Weihnachten 1942 schon ,, unbedingt" zu Hause feiern müssen, so wie er im letzten Oktober sei­nen Geburtstag ,, unbedingt" bereits bei seiner Tochter ver­leben wollte. In der Fernschau seiner Prognose hat er wohl recht und wird recht behalten, aber mit der Nahsicht, da hapert's. Was der Mensch aus der Geschichte lernt, ist ja bekanntlich, daß er nichts aus der Geschichte lernt; das gilt für die kleinen Herren Geschichtsschreiber nicht weniger als für die großen.

Mit der Breikost habe ich kein Glück. Es scheint, daß diese letzte Säule, die von der verschwundenen Pracht im ,, Porzellan" zeugte, auch vollends bersten muß. Der Arzt rückte endlich klar mit der Sprache heraus, als ich ihn an­hieb und ihm sagte, daß ich mich in der Nacht mehrmals habe erbrechen müssen. ,, Es geht nicht", lautete der Bescheid. Ich trat den Rückzug an, wagte aber doch, noch im Augenblick des Rückzuges die Frage aufzuwerfen, ob er mich, wie er versprochen, wegen der Blasengeschichte einmal untersuchen werde? ,, Es geht nicht!" antwortete die starke Stimme eine Oktave höher, diesmal von Ungeduld und Ärger geladen. Das ist nur ein Häftling. Was ist zwischen ihm und den Uniformierten für ein Unterschied? Der muß mit der Brille gesucht werden: dieselbe Überheblichkeit, dieselbe Grau­samkeit und Unerbittlichkeit, derselbe Dünkel, derselbe