Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
73
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

73.

,, Bist du krank?" ,, Was fehlt dir?" ,, Du siesch jo aus wies Kätzle am Bauch!" Was mir fehlt? Das Wichtigste, das fehlt mir, ihr lieben Freunde, das Vitamin der Freiheit! Sechsundsechzig Monate KZ- kein Wunder, daß sich be­wahrheitet, was ich vor einem Jahre im Krankenhaus ge­schrieben:

Runen graben sich in Wang und Stirn,

gestern jung, sind heute wir die Alten.

Überhaupt, es geht mir merkwürdig mit meinen Versen: es ist, als ob ich sie zu meinem eigenen Trost und zu meiner eigenen Aufrichtung hätte schreiben müssen. Immer wieder komme ich in Lagen, wo mir der eine oder andere Reim einfällt und Licht wirft ins Dunkel meines Weges, ihn auf Augenblicke aufhellend. Und die Nacht, sie wird von Stunde zu Stunde finsterer, die Sterne erlöschen einer nach dem andern. Die menschlichen, die lieben Beziehungen, so­weit sie noch geblieben sind, auch sie zerreißen, das Bild der Freunde erscheint immer undeutlicher, die Lebenszeichen werden immer seltener, von den ,, Nachbarinnen" ist aus Berlin seit Wochen keine Nachricht mehr angelangt. Von Angelika kam gestern ein Brieflein hereingeflogen, auf Moll gestimmt. Sie scheint meine beiden Schreiben, durch den Pragmatiker hinausgeschmuggelt, nicht erhalten zu haben, sonst hätte sie die kostbaren Weißbrotmarken ihrem Brief nicht beigelegt. Von diesen war keine Spur mehr da, dafür hatte die Zensur gesorgt, die selber ein Bedürfnis nach solchen Papierchen haben mag.

6. März 1945.

Windgasse, der Evangelist, hat alles verloren beim letzten Luftangriff auf Wiesbaden . Das Weib im Irrenhaus von der Stapo mit gesunden Sinnen hineingesteckt!- das Ver­mögen am Zerrinnen, die Gesundheit untergraben- ein wahres Duldergeschick, wie es sich freilich alltäglich tau­