Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

ob mich die Wut des Rapportführers nicht doch noch auf einen Transport bringen werde. Und wenn es auch an den Pfründen fehlt, die das Porzellan so wertvoll machten, so ist es doch eine Kanzlei, und zwar eine sehr große mit lan­gen Gängen, endlosen Türreihen, Stübchen im echten Büro­stil mit langweiligen Regalen, trockener Büroluft und dem Wichtigsten, was es für ein modernes Büro geben kann: dem Bilde der Vorsehung mit dem Zwicker, die auch hier mit ihrem kalten Lächeln den Besucher begrüßt. Durch die Fenster hindurch fällt der Blick zweckmäßig auf jenen Vogel, der das Portal zu bewachen scheint, und den X. etwas despektierlich den Pleitegeier nennt, in Wirklichkeit ein unverkennbarer Aar mit ausgebreiteten Fittichen und einem Kreuz, mit dessen Haken er so wenig anzufangen weiß wie wir. Die Flügel läßt er vernehmlich rauschen, ohne daß es ihm aber gelänge, den Aktenstaub wegzu­blasen, der sich im eben ablaufenden ersten Jahrtausend der SS - Geschichte in der Besoldung angesammelt hat. An Uniformen ist hier kein Mangel, die Uniformierten sind unsere Vögte: Bürovorsteher, Abteilungschefs und wie die Mitglieder der bürokratischen Hierarchie sonst noch heißen mögen. Es ist eine wunderbare Kombination vom soldatischen Geiste Potsdams und vom Bremer Handels­geist, eine Kreuzung, die vielleicht im nächsten Jahr­eine besonders aparte Rasse entstehen zu lassen

-V

tausend verspricht.

5. März 1945.

Ich werde allmählich alt, oder vielmehr: ich werde es plötzlich. Im Laufe des letzten Vierteljahres muß ich er­schreckend abgenommen haben. Wahrscheinlich war es die gesundheitschädigende Luft im Porzellan, welche mir zu­gesetzt hat. Vollends nach den drei Tagen und den drei Nächten im Fischbauch des Stehbunkers höre ich es von allen Bekannten und Freunden: ,, Wie siehst du aus?"