DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN
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1. März 1945.
Mein Blasenleiden macht mir viel zu schaffen. Bereits zu Beginn des Winters konnte ich das Wasser nicht mehr halten; ich mußte des Nachts fünf- bis zehnmal heraus. Die Erkältung, die ich mir dabei zuzog, verschlimmerte die Beschwerden noch mehr; an warmen Decken fehlt es mir ebenfalls, denn der Stubenpharao hält es für notwendiger, daß seine Lieblinge, die von Gesundheit, strotzen, nicht krank werden, als daß ein altes Haus noch einmal gesund. wird; das ist ohnehin zum Abbau reif. So kommt zusammen, was zusammengehört: die dicken Wänste zu den dicken Decken und umgekehrt die dünnen Decken zu den dünnen Backen. Ich suche mir seit Wochen selber zu helfen, indem ich es abends vergesse, die Hosen auszuziehen, und mir so einen Wärmespender verschaffe. Das hilft wenigstens ein bißchen. Hoffentlich kommen sie nicht dahinter! Ich bin so gezwungen, zwischen Scilla und Charybdis hindurchzuschiffen: entweder gibt es bei der Entdeckung auf dem Block eine Katastrophe, oder ich komme um mein Kommando, weil sie die Düfte nicht aushalten mögen.
2. März 1945.
Ich bin also wieder in einem Büro gelandet oder vielmehr in einem wahren Karussell von Büros! Hätte ich es mir träumen lassen, als wir im letzten Sommer an dem von den Bomben in zwei Teile zerrissenen Bau der Besoldungsstelle vorbeimarschierten, daß ich eines Tages selbst in dieser Herzkammer landen werde, die für den Blutumlauf sorgt und die Löhnung dieser überflüssigsten aller Soldaten bis in die äußersten Adern pumpt. Eigentlich ein nicht sehr sympathischer Gedanke, mit dieser ganzen Geschichte etwas zu tun zu haben und gar für sie zu arbeiten. Aber ich muß froh sein, hier untergekommen zu sein, denn es sah ziemlich gefährlich für mich aus, und es war keineswegs sicher,


