Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen

70

FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

ihn in der Kabelzerlegung halb zu tode, auch friert ihn mörderisch; doch waren bis jetzt alle meine Bemühungen, ihm zu helfen, umsonst. Im letzten Augenblick schlug es immer fehl, sei es, daß ihm sein Feind ein Bein stellte, sei es, daß der Capo zurückbebte. Denn solch ein buckliger Mann gilt in diesem Lande nichts, wo nur die Auslese der Tüchtigsten herrscht, und wo die Kraft des Geistes eher ein Hindernis ist, während Körperstärke, Maulgeschwindigkeit, List und Kriecherei hoch im Kurse stehen. Daß ich es nicht vergesse: Bakschisch- und Vetterleswirtschaft sind zwei wei­tere Schlüssel, die manche verschlossene Tür aufklinken. Aber die anzuwenden, scheut sich der Knabe Hiob . Einst­weilen hört er die Stimme des Unsichtbaren, die ihn tröstet:

دو

Wann die Stunden sind gefunden,

Bricht die Hilf mit Macht herein.

Um dein Grämen zu beschämen, Wird es unversehens sein!"

Sein Kampf ist schwer. Er leidet auch darunter, daß die Nachrichten von seinen Lieben, an denen er sehr hängt, so wie sie an ihm hängen, immer spärlicher einlaufen. Das Mütterlein, das ihm ein und alles war, ist während seiner Haftzeit heimgegangen. Er wird es hienieden nie wieder­sehen, selbst wenn ihn Gott wieder in die Heimat zurück­kehren läßt. Sie starb an gebrochenem Herzen, welches das Unglück des Lieblingssohnes nicht hat verwinden können. Eigenartig ist, daß die Kirche keinen Weg in seine Einsam­keit fand; ist er doch einer der seltenen Häftlinge, von denen es feststeht, daß sie um der Betätigung ihres Glau­bens willen hierhergekommen sind. Da wäre ein Grüẞlein vielleicht doch möglich gewesen und hätte für den Verlasse­nen die stärkende Gewißheit vertieft, daß er nicht ganz verlassen sei.