Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

das Fehlen jeglichen Symbols der neueuropäischen Zeit, eines Hakenkreuzes oder eines Bildes der Vorsehung. Der eine, ein hochgewachsener Lothringer, machte seinem ge­preßten Herzen sehr deutlich Luft; er war wegen angeb­lichen Widerstandes gegen die Staatsgewalt hereingekom­men, weil er es gewagt hatte, dem Blockpharao zu wider­sprechen, statt sich wort- und widerspruchlos abkanzeln und ohrfeigen zu lassen. Es war derselbe Pharao, der frisch und mutig erklärt hatte, und wenn die Russen in München ständen, werde er doch noch fortfahren, seine Ohrfeigen auszuteilen. Sind diese Leute mit Blindheit geschlagen, daß sie ihr Treiben fortsetzen bis zum letzten Augenblick? Oder wissen sie nicht, daß es 5 Minuten vor 12 Uhr ist? Wehe ihnen, wenn die Stunde kommt, auf die wir alle warten! Denn ihnen wird sie nicht die Freiheit bringen, sondern die Vergeltung samt denen, welchen sie als Lautverstärker ge­dient haben. Daß diese Stunde kommen werde, ist uns allen gewiß, aber wann? Es wäre höchste Zeit, und doch können wir uns kein Bild machen von dem Wie? Manche tuscheln etwas von einer Fallschirmlandung in aller Bälde; nun, wir hätten nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn die Fallschirme noch in dieser Nacht unserm einfachen Lebens­stil eine Ende gemacht hätten. Aber sie kamen nicht, es galt weitere 24 Stunden auszuhalten bis zum zweiten Drittel des Kommißbrots wie gut schmeckte es! Doch als noch ein­mal 24 Stunden vergangen waren, und weder ein Fallschirm kam noch der Wärter noch das dritte Drittel, da wurde es uns lange und bange: denn wir hatten mit 3 Tagen gerech­sollte der Bunker 5 Tage dauern oder gar noch länger? Die rote Grammatik begann wieder im Kopfe her­umzuspuken. Ein Glück, daß endlich doch die Türe aufging und der Befreier erschien, wenn auch nicht als Fallschirm­jäger, sondern nur als gewöhnlicher SS- Mann. Ich glaubte an mein Glück indessen noch nicht recht noch waren

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