DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN
63 ohne Strohsack, ohne Keil und ohne Decke. Selbst das Liegen läßt sich vereinfachen, das zeigt der Stehbunker: du liegst nicht, du kniest nicht, du schwebst nicht, du bleibst einfach stehen Stunde für Stunde, Nacht und Tag. Welche Einfachheit des Lebensstils, würdig der Säulenheiligen, von denen uns alte Legenden berichten; eine wahrhaft ,, einmalige" Einrichtung von europäischem Zuschnitt! Auch das Essen wies denselben Grundzug zur Einfachheit auf. Wozu das verwirrende Vielerlei der Speisen, wo wir es doch mit dem universalen Kommißbrot einfacher haben, und wozu die häufige Wiederholung desselben langweiligen Vorgangs der Mahlzeiten einmal am Tag ein Drittel, das genügt. Hat nicht Kneipp schon Ähnliches gelehrt? Und es genügte auch uns, aber fragt mich nur nicht: wie? Doch was blieb uns anderes übrig, als diesen Kursus in bescheidener Lebensführung durchzumachen. Wie lange es dauern würde, hatte man uns menschlicherweise nicht verraten, sowenig wie die Dauer des ganzen Lageraufenthaltes, der sich auf diese Weise für das Bewußtsein zu lebenslänglicher Haft ausdehnt. Meine beiden Gefährten schienen von dem Wert dieses Anschauungsunterrichtes nicht sehr überzeugt zu sein. Sie schimpften wie die Rohrspatzen über die Tortur, die ihnen die unbequeme Lage mitbrachte. Hatten sie denn gedacht, daß sie zu ihrer persönlichen Bequemlichkeit an diese Universität der Wissenschaft von der Vereinfachung gekommen seien? Kann man denn von einem Ding alles verlangen? Das wäre doch unbillig und ungerecht. Sie trieben es in ihrem Hang nach Komfort sogar soweit, daß sie abends. die Eẞpause dazu benutzten, um ihre Türen offen zu lassen und so ihren Füßen die Möglichkeit zu geben, sich auszustrecken, indem sie diese über die Schwellen hinweg in den gegenüberliegenden Käfig schoben. Die Tatsache, daß sie sich um alle heilsamen Wirkungen des anschaulichen Unterrichts brachten, schien ihnen ebensowenig Schmerzen zu machen wie


