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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
dem Sterngucker. Erst dann fand ich mich auf der Lagerschreibstube ein und wurde mit einigen andern Delinquenten zum Bunker geführt. Gott sei Dank, Glück im Unglück! Bunker, also keine 25! Der Schreiber, der uns begleitete, verriet es uns. Ein Zentnerstein fiel von meinem Herzen. Ich hatte nicht eben große Sehnsucht, mit Hilfe des Gummiknüppels unter die Märtyrer zu kommen. Immerhin die rote Grammatik, das dicke Ende, konnte noch nachkommen. Vielleicht machten sie das leichtere Vergehen zuerst ab, um mich für das schwerere zum Schluß noch aufzuhängen. Wer stak darin? Niemand!-
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Der Bunker war ein sogenannter Stehbunker, der dernier cri, die letzte Neuheit der Lagerstrafen. Ich hatte schon oft von ihm sprechen hören, seit er vor zwei Jahren als neueste Errungenschaft eingerichtet wurde. Die letzte Schilderung hatte mir der Knabe Hiob aus eigener Erfahrung gebracht; nichtsdestoweniger konnte ich mir keine rechte Vorstellung von diesem neumodischen Modell der Vereinfachung machen, und ich war denn auch einigermaßen erstaunt, als ich vor ihm stand. Er überraschte mich durch die Schlichtheit seiner Formen; es schien in diesem Gelaß die Forderung des ,, V.B." nach Vereinfachung und Entfeinerung ihre Erfüllung gefunden zu haben, noch weit vollkommener als auf den Blocks. Auf wenigen Quadratmetern hatte man 4 Zellen zusammengedrängt, zu welchen je eine Tür führte, und die sich von innen wie Kamine ausnahmen. In unerreichbarer Höhe war ein Loch angebracht, welches die Stelle eines Fensters andeuten sollte. Es hätte des Halses eines Kamels bedurft, um es zu erreichen. Welch überflüssigen Luxus wurde auf den Blocks noch mit den großen Fenstern getrieben! Das Loch im Kamin, das war die Urform des Fensters, also zurück zu den Anfängen! Und wozu ein Bett? Auch ein Strohsack hat noch etwas Kompliziertes, der Stehbunker zeigt's: es geht ohne Bett,
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