Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
62
Einzelbild herunterladen

62

FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

dem Sterngucker. Erst dann fand ich mich auf der Lager­schreibstube ein und wurde mit einigen andern Delinquen­ten zum Bunker geführt. Gott sei Dank, Glück im Un­glück! Bunker, also keine 25! Der Schreiber, der uns be­gleitete, verriet es uns. Ein Zentnerstein fiel von meinem Herzen. Ich hatte nicht eben große Sehnsucht, mit Hilfe des Gummiknüppels unter die Märtyrer zu kommen. Im­merhin die rote Grammatik, das dicke Ende, konnte noch nachkommen. Vielleicht machten sie das leichtere Ver­gehen zuerst ab, um mich für das schwerere zum Schluß noch aufzuhängen. Wer stak darin? Niemand!-

-

Der Bunker war ein sogenannter Stehbunker, der dernier cri, die letzte Neuheit der Lagerstrafen. Ich hatte schon oft von ihm sprechen hören, seit er vor zwei Jahren als neueste Errungenschaft eingerichtet wurde. Die letzte Schilderung hatte mir der Knabe Hiob aus eigener Erfahrung gebracht; nichtsdestoweniger konnte ich mir keine rechte Vorstellung von diesem neumodischen Modell der Vereinfachung machen, und ich war denn auch einigermaßen erstaunt, als ich vor ihm stand. Er überraschte mich durch die Schlichtheit seiner Formen; es schien in diesem Gelaß die Forderung des ,, V.B." nach Vereinfachung und Entfeinerung ihre Erfüllung gefunden zu haben, noch weit vollkommener als auf den Blocks. Auf wenigen Quadratmetern hatte man 4 Zellen zusammengedrängt, zu welchen je eine Tür führte, und die sich von innen wie Kamine ausnahmen. In un­erreichbarer Höhe war ein Loch angebracht, welches die Stelle eines Fensters andeuten sollte. Es hätte des Halses eines Kamels bedurft, um es zu erreichen. Welch über­flüssigen Luxus wurde auf den Blocks noch mit den großen Fenstern getrieben! Das Loch im Kamin, das war die Urform des Fensters, also zurück zu den Anfängen! Und wozu ein Bett? Auch ein Strohsack hat noch etwas Kom­pliziertes, der Stehbunker zeigt's: es geht ohne Bett,

-