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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
28. Januar 1945. Ich mußte den Übermenschen im Auftrag des Capos bitten, sein Bad so früh zu nehmen, daß auch die Häftlinge, die von der Arbeit kamen, noch baden könnten. Aber ich bekam schlechten Botenlohn: Sagen Sie mal dem Capo ( wir werden mit ,, Herr" und mit„, Sie" angeredet, unerhörte Neuerung!), ich bade, wann ich will!" Das trug er mir auf, indem er mich so bissig ansah, als ob ich das Ansinnen selbst an Seine Unberührbarkeit gerichtet hätte. ,, Na, der reitet noch auf hohem Roẞ", brummte der Generaldirektor und fügte hinter der hohlen Hand in spöttischem Tone hinzu: ,, Dabei sind zwei Armeen eingekesselt!"
Die Flut steigt immer höher, bald wird sie Berlin erreicht haben, wenn es so weitergeht; dann gute Nacht, Pakete! Und was die armen Nachbarinnen anfangen? Schon wurde Schneidemühl genannt, und dies im deutschen Radio!
Wie Stalin einst Hitler bis vor Moskau lockte, so hätte, tuschelte ein SS- Posten, Hitler jetzt Berlin an den Angelhaken gesteckt, um Stalin dranzukriegen. Aber wäre Berlin nicht ein allzu kostspieliger Köder, und: duobus facientibus non est idem! Soeben flüstert der Laibacher Nr. I hinter seinem Hauptbuch dem Laibacher Nr. 2 zu, die Russen hätten die Mark Brandenburg bereits erreicht und 400 000 deutsche Gefangene gemacht.
Eine noch verzweifeltere Hiobspost für das Lager, das jeden Tag dringender auf Pakete wartet: es gibt ab sofort überhaupt keine Pakete und Briefe mehr, und zwar ist der Baum an der Wurzel abgehauen: die Post nimmt nichts mehr an. Von einem Tag zum andern stürzen wir Paketempfänger aus dem Stand der wohlhabenden Besitzer in die Kaste der Parias. N. sagt indessen mit Recht, dies sei der Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen müßten. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende wenn nur wirklich der Schrecken zu Ende ist.


