Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Paketen erhielt. Da blüht der gallische Weizen. Mit einem Schlage sind die Franzosen bei Stubenältestem und Stuben­dienst, die für solche Magnaten eine feine Witterung haben, Hahn im Korbe geworden, während wir Deutschen ,, in den Mond gucken". Wir müssen ihnen Platz machen, den Paket­empfängern, mit groben Worten jagen uns unsere eigenen Landsleute vom Tische weg, kaum daß wir gegessen haben. Ich gönne übrigens den Jungen von Herzen die de Gaulle­schen Leckerbissen, sie haben sie in langer Fastenzeit wohl­verdient und teuer bezahlen müssen mit den furchtbaren Schrecken, die sie bei ihrem Hertransport ausgestanden haben.

14. Januar 1945.

Warum der Übermensch gestern so melancholisch drein­sah? Immer wieder ließ er Zahlenreihen Zahlenreihen und Bilanz Bilanz sein und starrte zum Fenster hinaus, als ob er die wichtigen Zahlen vom Dach des jenseitigen Schuppens ablesen wollte. Das Radio hat's ans Licht gebracht: der Rückzug, der blamable Rückzug, die russische Walze! Man traut weder Augen noch Ohren: Orte werden genannt, die wir noch in tiefster Sicherheit glaubten: Gleiwitz , Brieg, Elbing usw. Kein Wunder, daß die Übermenschen melan­cholisch werden. Das ist zuviel auf einmal! Oder sollte es nur eine Kriegslist sein, um nach Art der Russen zu Beginn des Feldzugs den Gegner über die wirkliche Stärke zu täuschen?

19. Januar 1945

Warum fällt uns das Sterben so schwer? Hört doch im ,, anderen Leben" der furchtbare Widerspruch auf, der sich in unserer Welt unablässig gegen Gott richtet. Wenn wir Gott wirklich liebten, müßte uns dieser Zustand die Welt, in der das möglich ist, ein für alle mal vergällen. Warum sehnen wir uns so wenig nach dem neuen Bau, wo Gott alles sein wird in allen? Weil Gott doch nicht die allerwirk