NEUJAHR 1945 UND WAS NACHHER KAM
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Sepp, der Bote, setzte mich gestern in nicht geringen Schrecken: er ist vom Direktor gewarnt worden, den Pragmatiker weiterhin aufzusuchen. Was hat das zu bedeuten? Sind sie mir auf den Fersen? Haben sie es spitz bekommen, daß Sepp der Zwischenträger für die geheimen Botschaften, Manuskripte, Aufzeichnungen, Marmeladegläser, Kartoffelsäcke, kurz für den ganzen unerlaubten Verkehr war, der sich zwischen dem ehemaligen Häftling und seinem nachmaligen Schützling vollzog? Schon dichte ich einen wahren Kriminalroman zusammen: warum antwortet Angelika solange nicht? Ist mein Brief an sie beim Pragmatiker gefunden worden? Oder haben sie die Tagebuchblätter aufgestöbert? Steht der Pragmatiker unter Postaufsicht? Warum haben sie aber noch nicht zugegriffen? Nun, vielleicht wollen sie noch mehr erfahren? usw. usw.
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11. Januar 1945.
Nun tastet Satan auch den Leib des Knaben Hiob an: er spürt plötzlich ein so ungestümes peinvolles Reißen im Ohr, daß er seine Scheu, das Revier aufzusuchen, überwand. Dort stellten sie fest, daß das Trommelfell des rechten Ohrs oder des linken? durchlöchert und das Mittelohr entzündet sei. Das arme Hascherl läuft jetzt mit einer Binde um den Kopf umher, so daß er eher einem alten Weiblein als einem 40jährigen Leipziger gleicht und so die Instinkte der Blockhysteriker herausfordert, die auf Nietzsches Kommando alles Schwache zur Zielscheibe ihrer Übergriffe machen, weil sie da am wenigsten mit unverhoffter Gegenwehr in Form eines Kinnhakens zu rechnen haben. Ich selber muß mir vorwerfen, daß mich die Wehrlosigkeit des Armsten förmlich einlädt, ihm durch zornige Ausfälle wehe zu tun; meine Gereiztheit wird täglich gröẞer, aber es ist keine Entschuldigung für mich, daß mich die 66 Lagermonate schwer mitgenommen haben und mein Herz zu einem Nervenbündel machen.
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