Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF.

Warum fürchtet Hiob das Revier?

Mir träumt zum erstenmal von Freiheit.

Der Mexikaner" flickt der SS am Zeug.

Neujahr 1945.

Im Bade.

,, Konzert ist heute angesagt." Der Knabe Hiob bat mich, ihn zu begleiten. Zuerst wollte ich nicht recht. Dann aber entschloß ich mich ihm zuliebe doch, einen der Schemel an einem seiner vier Beine zu ergreifen und mit ihm zusam­men, der sich ebenfalls an einem Schemelbeine hielt, über den Appellplatz zum Bade zu stolpern, dem sehr geeigneten Orte für solche Veranstaltungen. Über unsern Köpfen hängt das verzweigte Gitterwerk der Wassertrichter. O weh, wenn die sich auf ihre wahre Bestimmung besännen und uns plötzlich überschütteten mit einer kalten Dusche! Eine Überraschung, des Ortes, an dem wir uns befinden, nicht ganz unwürdig. Vielleicht hält das neue Jahr für uns Stief­kinder des Schicksals einige solcher eiskalten Sturzbadsensa­tionen bereit? Solch ein Wasserstrahl traf uns gleich in der Morgenfrühe als Neujahrsgruß auf dem Appellplatz: Straf­stehen, während es von oben aus launischen Winterwolken tüchtig auf uns niederschneite. Kein Mensch wußte recht: warum und wieso? Das fängt gut an, dachte ich, und alte Zeiten aus Sachsenhausen tauchten in der Erinnerung auf von damals, wo wir stunden- und tagelang im Freien har­ren mußten, keiner wußte genau den Grund war einer getürmt, hatte ein Grüner die Küche unverschämt bestohlen, hatten sie eine Schlacht verloren? es wurde Nacht und Mitternacht, es wurde Morgen und wieder Mittag, es stürmte und regnete, und Tausende standen sich die Füße in den

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