Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

sie ihn vollends zu Tode prügelten. Sogar mit den soge­nannten Prominenten machten sie dort kurzen Prozeß, wenn sie sich aus irgendeinem Grunde unmöglich gemacht hatten. Es hatten dort, nebenbei erwähnt, die Grünen, das heißt die Kriminellen; das Heft in der Hand. Eines Abends, berichtete der Knabe Hiob , hieß es: ,, Der Capo des Klinkerwerks ist in die Stube gekommen." Er wurde mit hohen Ehren be­grüßt, denn so ein Capo ist ein großer Herr; selbst wenn er abgesetzt ist, steht er noch turmhoch über den gewöhnlichen Lagerinsassen er hat so etwas wie einen character indele­bilis. Freilich nur, so lange er noch lebt, und dieser Capo vom Klinkerwerk sollte nicht mehr lange leben: hört, was sie mit ihm machten. Nachdem er üppig gespeist und ge­tränkt worden war, überreichte ihm der Stubenälteste einen Strick mit dem Auftrag, sich bis zum andern Morgen daran aufzuknüpfen. Der Knabe Hiob hielt das für einen Scherz und war nicht wenig erschrocken, als er am andern Morgen erfuhr, daß der Unselige wirklich die Hochzeit mit des Seilers Tochter in der Nacht gefeiert habe.

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27. Dezember 1944.

Und doch ist er noch gekommen, der Festkuchen- spät kam er, doch er kam! Er wird auch noch an Neujahr mun­den daran soll's nicht fehlen, beileibe nicht! Und woher kam er, der lukullische Gruß? Von den Nachbarinnen, den guten, treuen, zähen in Berlin . Die Berliner, die oft ver­kannten, mögen sie hoch leben samt ihren Berlinerinnen, den verheirateten und den ledigen! Hoch klingt das Lied von den braven Nachbarn, oder habt ihr eine rührendere Treue erlebt, als die beiden Frauen in der Turmstraße sie be­wiesen einem Fremdling, den sie gewissermaßen vor ihrer Tür aufgelesen? Und Jahr um Jahr, ungeachtet aller Ge­fahren, die mit ihrem Eintreten verbunden waren, hielten