Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
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LETZTE WEIHNACHT IM KZ

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hast nie viel vom Kind in der Krippe gehalten und hast auch keinen Hehl draus gemacht. Aber vielleicht durftest du noch im letzten Augenblick vor ihm klein werden, der um unsertwillen kleingeworden ist, wer weiß? Und das Kind hat zuweggebracht, was sonst niemand konnte, es hat die roten Blutflecken abgewaschen, die an deinen Händen kleb­ten, und so ist Saul unter die Propheten gekommen und Capo Stirnmann unter die Hirten.

Der geistliche Block hatte diesen Morgen seine Weihnachts­sensation: es fehlten auf dem Appellplatz nicht weniger als -horribile auditu vier Pfarrer- Häftlinge mit Nummer und Winkel. Welch ein Malheur das gibt's ja gar nicht, am allerwenigsten am zweiten Weihnachtstag. Gräßliche Verlegenheit, vollends für einen Blockältesten, der es erst vor wenigen Wochen zu dieser hohen Würde gebracht hat, und zwar zum ersten Male als Geistlicher. Aber siehe, er zog seinen Kopf geschickt aus der Schlinge und rettete dem ganzen Block Ansehen und Mittagessen: Was tat er? Kurz entschlossen lieh er sich vier Häftlinge ohne Tonsur, aber numeriert und mit dem wahren Winkel versehen, vom Nach­barblock aus, hatte so seine volle Zahl und kam glücklich an einer Katastrophe vorbei. Das habe ich den Blockältesten selbst erzählen hören, es muß also wahr sein, obwohl man's nicht für möglich halten sollte es geht doch abwärts mit dem KZ!

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Heute abend gab der Knabe Hiob eine wenig weihnacht­liche Erinnerung aus der Zeit seines Aufenthaltes im KZ zu Sachsenhausen zum besten: Als er seinerzeit in Dachau an­kam, fiel ihm der fast menschenfreundliche Ton auf, mit dem er empfangen wurde. So fragte der Kommandant die Ankömmlinge, ob sie etwas Warmes gegessen hätten? Auf eine solche Frage waren sie von Sachsenhausen aus nicht vor­bereitet. Dort war der Knabe Hiob bei der Aufnahme grün und blau geschlagen worden, so daß er fürchten mußte, daß

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