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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
sondern aus Bast gedreht ist." Ohne uns einigen zu können, nahmen wir voneinander Abschied, es stimmte mich traurig, daß meiner Weihnachtspredigt so wenig Erfolg beschieden war.
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Die Predigt war am Christfest so gut besucht, daß nicht genug Platz geschafft werden konnte die meisten waren natürlich Nichtpfarrer aus dem Lager, Häftlinge, die etwas wagten, wenn sie kamen. Woher dieser Zuspruch? Mir kamen die Tränen. Welch eine Wendung seit jener Zeit, wo ich der einzige war, der den Mut aufbrachte, dem strengen Verbot zu trotzen! Bahnt sich vielleicht doch eine Umkehr an vor den wuchtigen Schlägen des Gerichtes? Viele nahmen unter den brennenden Kerzen am Heiligen Mahle teil. Der austeilende Liturg, von Preis, reichte die Heilige Speise den Polen in polnischer Sprache dar. Es war alles überaus ernst, würdig und feierlich, selbst wenn der Blick auf das Äußere der Gäste fiel, das gegen die festliche Umgebung in so schroffer Weise abstach: Jammergestalten mit bleichen Elendsgesichtern, angetan mit dem abgelegten Trödelkram aus Warschauer Ghettos und unförmliche Schuhe an den Füßen, die mit dicken Stricken zusammengebunden waren.
Die Katholiken hatten wieder für festlichen Schmuck der Altäre gesorgt. Statt des Kruzifixes, das an der Seitenwand zwischen den Fenstern aufgerichtet worden war, zwischen den von Fugel stammenden Bildern der Kreuzstationen, prangte ein großes Originalgemälde, die Anbetung der Hirten darstellend. Das Gesicht des Schäfers, der ganz im Vordergrund kniete, wollte mich indes nicht loslassen. Es kam mir bekannt vor. Wo hatte ich ihn nur schon gesehen, diesen mächtigen Schädel mit der vorspringenden Stirn, den ausgebildeten Augenwülsten, der frischen Farbe der Wangen...? Ach so, du bist es, Capo Stirnmann! Wie kommst du unter die Hirten? Sie sagten doch, daß es dich zerrissen habe bei Salzburg , als du das schwere Sprengkommando führtest und die heimtückische Bombe zu frühzeitig losging? Freilich, du


