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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
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24. Dezember 1944. Traurige Weihnacht heuer! Keine Strümpfe, keine Handschuhe, keinen Mantel! Und dazu diese Hundekälte! Die Stuben sind überfüllt, daß sie bayerischen Schenken am Jahrmarkt gleichen, wo einer über die Füße des andern fällt. Auch die Gänge stehen bis auf den letzten Mann voll; die allgemeine Reizbarkeit, die diese fürchterliche Enge hervorruft, läßt den einen zum Teufel des andern werden. Und keine Pakete: ins Lager sind heute, am Heiligen Abend, ganze 46 gekommen statt der Tausende, die erwartet wurden. Wir führten diesen Ausfall darauf zurück, daß die Bahnhöfe ausgebombt worden wären bei dem letzten schweren Angriff auf München . Aber heute brachte die Post eine andere Lösung des Rätsels; die ,, Nachbarin" schrieb mir aus Berlin , daß für den Bezirk 13 a das ist eben der unsrige Postsperre verhängt worden sei; sie hätten vergeblich versucht, ein Paket aufzugeben. Das war ein Schlag! Da kann natürlich nichts kommen, wenn nichts abgesandt wird! Wenn der Bach schon an der Quelle verstopft wird, kann man sich da wundern, daß kein Tröpfchen die Durstenden erreicht? Und während vorher noch eine blasse Hoffnung darauf bestand, daß der Bombenhagel nicht unsere ganze Weihnachtsernte vernichtet hätte, so wurde nun auch dieser letzte barmherzige Funke unweihnachtlich ausgelöscht. So kommt der Brotlaib zu Ehren, den wir vom Porzellan samt einer Schachtel Zigaretten, in rotes Seidenpapier gehüllt, als ,, Christkind" bekommen hatten, wohl das einzige Kommando, das so ausgezeichnet worden war. Der ,, Generaldirektor" wollte sich zwar nicht damit zufrieden geben, denn auf Grund einer pfundigen Parole war er davon überzeugt, daß die Brotlaibe garniert würden mit Katoffeln, Nüssen, vielleicht sogar mit Äpfeln, und war enttäuscht, als es ,, nur" Brot gab. Man merkt ihm den Neuling doch auf Schritt und Tritt an; M., der alte Lagerhase, erzählt ihm


