Volle drei Tage verhielten sich die beiden totenstill in ihrem dunklen Bau. Nach dreimal 24 Stunden mußte die Postenkette, die bei Fluchtversuchen der Gefangenen auf Befehl des Kommandanten nicht eingezogen werden durfte, abgerückt sein. Karl und Kurt warteten, bis es Nacht geworden war, und gingen dann den Berg hinunter. Die illegale Leitung der KPD des Landes nahm die zwei noch in der gleichen Nacht auf und verbarg sie bei Freunden. Während es Karl später gelang, über die Grenze nach der Schweiz zu entkommen, fiel Kurt bei einem Kugelwechsel mit SD- Leuten in Leipzig , die ihn in der Pleißestadt aufgespürt hatten, als er dort die unterirdischen Fäden für ein neues antifaschistisches Leben mit Erfolg zu ziehen begann.
An jenem Abend, als Karl und Kurt verschwunden waren, schäumte der Oberhenker in KA- EL- BU vor Wut und ließ 26 000 Menschen, denn soviel hatte die Schlange inzwischen versammelt, in der strengen Kälte stehen. Am anderen Morgen standen 50 Särge am Tor. In diesen halbgeöffneten, schwarzen Kisten lagen die Toten einer einzigen Nacht. Fünfzig hatten ihr Leben lassen müssen, damit zwei fliehen konnten. Gesenkten Hauptes zogen die Kolonnen an den Särgen zur Arbeit vorbei. An den Särgen lagen keine Kränze, leuchteten keine Kerzen, und kein Priester sprach ein Gebet. Es waren dies die Särge der Verfluchten dieser Welt, die das Reich der Finsternis gemordet hatte, weil sie die Kinder des Lichtes waren. Ich schaute nach den Särgen hin, und ein Schauer der Ehrfurcht durchlief meinen Körper. Ich sah nun die Gebeine von fünfzig Heiligen, und die Mauer, an der sie standen, ward mir zum Altar, an dem im scharlachroten Gewande ein Priester das Opfer der Heiligen unserer Tage feierte.
Nachdem ich zwei Jahre in der Gewalt der Schlange gewesen war, gab sie mich wieder frei. Wer mit List kämpft, kann nur durch List überwunden werden, und ich stellte mich so, als wäre ich dieser Schlange untertan. Sie gab mir mein Bürgerkleid zurück, damit ich es eintausche gegen das Kleid des Krieges und helfe, ihr Reich zu vergrößern. Ich aber will mich rächen an den Henkern im Dienste der Schlange und will gerechte Rache üben für die Toten von KA- EL- BU, die Heiligen unserer Tage.
39


