LKASTO

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Buchhändler fand die Gestapo nicht; er fand sich erst einige Zeit später wieder ein, als die Nazis Hals über Kopf Dänemark

verließen.

In das ohnehin schon stark mit Flüchtlingen aus den Ost­gebieten Deutschlands überfüllte Gebiet nördlich des Kieler Kanals strömten unaufhörlich die Menschenmassen, welche die vorrückenden russischen Truppenverbände fürchteten. Unter den schon vor Monaten nach hier Geflüchteten befanden sich vorwiegend prominente Nazis mit ihren Angehörigen. Sie hatten beizeiten ihre Koffer gepackt und kamen in Autos hier an; ,, Gäste des Führers" nannten sie sich und benahmen sich bei der Bevölkerung überhebend und anmaßend. Ihnen war offen­bar noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß hier die letzte Etappe erreicht war, und das Ende des ,, Hitler- Reiches" bevor­stand.

So beherbergte Flensburg auch Alfred Rosenberg mit Frau und Tochter. Sorgen bereitete ihm im Augenblick nicht der ,, Mythos des 20. Jahrhunderts", sondern die Frage des Fort­kommens aus dem immer enger werdenden Netz. Fliehen nach Dänemark ! Jawohl doch hier zeigte sich die Tücke der Kleinigkeiten sein einziges Paar brauner Schuhe mußte neu besohlt werden, aber der Schuster ließ sich mit dem Besohlen Zeit. Die Zeit war für Rosenberg sehr kostbar, und so mußte er einen andern Weg suchen, um von der Bildfläche zu ver­schwinden. Hitlers Leibarzt Dr. Brandt versah ihn mit einem Gipsverband vorgetäuschter Beinbruch, und Rosenberg wurde ins Lazarett eingeliefert. Nach einigen Tagen hatte man ihn dort allerdings schon ausfindig gemacht. Er wurde fest­genommen mitsamt dem beteiligten Arzt und dem Pflegepersonal. Aus war's mit dem Traum einer Flucht ins Ausland. Zum ,, Re­gieren" war er ohnehin nicht gekommen.

Dönitz hatte in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai noch mit Himmler in Lübeck auf der Flucht gesprochen. Den Kieler Kanal passierte Dönitz bald darauf in Holtenau , wo er mit Admiral von Friedeburg noch eine Unterredung hatte, deren Gegenstand die unabwendbare Kapitulation Deutschlands war. Nach der An­kunft in Flensburg nahm Dönitz am 2. Mai auf der ,, Patria", welche an der Landungsbrücke vor dem Marine- Kommandantur­Gebäude festgemacht hatte, Wohnung. Der Stab war in einem der nahegelegenen Läger untergebracht.

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Die Beratungen des ,, Kabinetts Dönitz" begannen am 3. Mai 1945, vormittags 10 Uhr, im Kommando- Gebäude. Teilnehmer waren außer Dönitz noch Außenminister Schwerin von Krosigk , Minister Seldte . und last not least- als Geduldeter: Himm­ler. Sie beschäftigte die Frage: Wird es noch einen Kampf geben?" Die nun zu fällenden Entscheidungen dürften dem Rest- Kabinett schwer zu schaffen gemacht haben, denn von Zeit zu Zeit vertraten sich die Herren vor dem Gebäude die Beine und holten Atem in freier Seeluft. Die Marionetten- Regierung in der neu etablierten ,, Wilhelmstraße" bekam zu den bisherigen Sorgen noch weitere. Die Parlamentäre der Alliierten trafen am 5. Mai in Mürwik ein und isolierten die ,, Regierung Dönitz" in einer Enclave, die sie nicht verlassen durfte.

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