Lagerführer kommen!" Viele wurden zum Lagerführer gerufen und kehrten nicht zurück liquidiert.

Zuweilen kam der Gerufene zurück. Auch ich kam eines Tages zurück. Ein Läufer kam atemlos in die Politische Abteilung gestürzt und brachte mir den Befehl, sofort zum Kommandanten zu kommen. Zum Kommandanten zu müssen, stets bedenklich, aber Befehl ist Befehl; wer nicht kommt, wird von der SS geholt. Auf dem Wege zur Kommandantur kehrte ich unterwegs noch in der Schreibstube ein, um vom Lager­ältesten zu erfahren, ob ihm etwas darüber bekannt sei, was ich so dringend beim Kommandanten Loritz zu tun hatte. Harry Naujock, der Lagerälteste, wußte nur, daß ich als Dol­metscher zum ,, Eisernen Gustav" beordert war; also ging es nicht um meine Person, sondern um mein Amt, was den Gang ,, nach oben" bedeutend erleichterte.

-

Als ich mich beim ,, Eisernen " meldete, stand als Opfer mein Kamerad Seip aus Oslo etwas bekümmert im Zimmer neben der Tür. Ich hatte ihm auf Geheiß des Rapportführers Sorge so war der Name des ,, Eisernen " auf norwegisch zu sagen, daß er beim Briefschmuggel erwischt sei und ihm jetzt Strafe drohte. Jedoch würde diesmal noch davon Abstand genommen, aber im Wiederholungsfalle drohte der ,, Eiserne " mit Prügel, Erschießen, Aufhängen und dergl. unerfreulicher. Sachen mehr, wobei er nicht unterließ, seine Anrempelei mit Kraftworten wie Halunke und Artbezeichnungen aus dem Zoo gebührend zu unterstreichen. Seip, Rektor der Universität in Oslo , verstand selbstverständlich deutsch, was jedoch der ,, Ei­ serne " nicht wußte.

Da Sorge keinen Schimmer von von Fremdsprachen hatte, konnte ich mir erlauben, ihn ,, auf die Schippe" zu nehmen und sagte dem ,, Delinquenten " in norwegisch: Also, höre zu, was der Rapportführer Dir zu sagen hat. Du wirst erschossen, aufgehängt oder durchgeprügelt, wenn der Halunke hinterm Schreibtisch Dich wieder erwischt. Dieser Schweinehund ist zu jeder Gemeinheit fähig. Du weißt, wieviele er von uns auf dem Gewissen hat. Seip zitterte wie Espenlaub, was der ,, Ei­ serne " wohl dahin deuten mochte, daß seine kräftigen Worte Eindruck auf Seip machten. Der ,, Eiserne " lächelte und ließ uns abtreten.

Nie sind wir so schnell die Treppen herunter gerast und zwischen den Baracken verschwunden, als nach dieser ,, Sitzung". Als ich Seip fragte, weshalb er denn so verängstigt gewesen sei, erklärte er mir, es sei die Befürchtung gewesen, der ,, Eiserne " habe norwegisch verstehen und somit meine Ver­höhnung verstehen können. Wäre dies der Fall gewesen, dann hätte ich allerdings damit rechnen müssen, daß ich evtl. liqui­diert worden wäre. Aber ich kannte meine Pappenheimer und wußte, daß von Fremdsprachenkenntnis beim Eisernen " keine Rede sein konnte. Warum sollten nicht auch wir einmal auf Kosten dieses Menschen triumphieren.

192