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Zwölf Jahre Nacht : mein Weg durch das "Tausendjährige Reich" / von Heinrich Lienau
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Kaum war ein Handlanger der Lager- SS beseitigt, so wartete diese mit einem neuen Banditen auf, diesmal mit dem ehe­maligen SS- Hauptsturmführer Ludwig Rabitsch, der am 12. 10. 1942 vom KZ Flossenburg nach Sachsenhausen gekommen war. Er wurde unter der Nr. 50 481 als Häftling registriert und ehe man sich's versah, vom Kommandanten als Lagerältester ein­gesetzt. Zu seinen ersten Aufgaben zählte es, dem Komman­danten einen ebenfalls ausgeglittenen SS- Obersturmführer Fried­drich Gertz aus Lübeck , Gärtner von Beruf, als Schreiber in die Politische Abteilung hineinzulanzieren. Als Dolmetscher kam er schon nicht in Frage, er konnte kaum ein richtiges Deutsch schreiben, von der unleserlichen Handschrift gar nicht zu reden.

Während des Krieges war diese SS - Blüte Oberkriminal­assistent in Warschau gewesen und hatte, wie bei der gesamten SS gang und gäbe, die Wohnungen ausgeplündert, für 20 000 RM an Werten konnte man ihm nachweisen. Er wurde daraufhin von einem SS- Gericht verurteilt und als ,, Politischer " mit einem roten Winkel versehen, ins KZ verfrachtet. Während der Ge­richtsverhandlung war zur Sprache gekommen, daß die höheren SS - Dienstgrade vom General, Obersten, Kommandeur bis zum SS- Standartenführer herab, weit größere Beträge und Sachwerte ,, requiriert" hatten. Eine dieser SS- Größen wurde nach Tokio versetzt, während die übrigen Mitschuldigen als unanfechtbar straffrei ausgingen. Diese Einzelheiten plauderte Gertz aus, was selbstverständlich auch zur Kenntnis des Lagerkommandanten gelangte.

Eines Tages war Gertz aus der Politischen Abteilung ver­schwunden und in den Zellenbau gebracht. Neues Verfahren gegen ihn und seinen Komplizen, den SS- Hauptsturmführer Stüllenberg. Nach einigen Monaten erschienen die beiden wieder im Lager, diesmal durch Handschellen aneinander gefesselt. Sie wurden im Herbst 1943 in die SK gebracht, schliefen gefesselt nebeneinander, liefen tagsüber ,, Schuhe" auf dem Appellplatz mit vollem Tornister, aßen nebeneinander, immer gefesselt. Nach einigen Wochen wurden beide kurz nachein­ander wieder in den Zellenbau gebracht, um dann nach einigen Tagen als ,, von der Lagerstärke abgesetzt" in der Rapportliste zu erscheinen. Im Hinrichtungsstand neben dem Krematorium hatte man beide durch Erschießen in das Nazi- Walhall be­fördert.

,, Von der Lagerstärke abgesetzt" hieß: Ohne Aufsehen zu erregen erschossen, gehängt, vergast oder vergiftet. Die Lager­führung glaubte mit der Bezeichnung ,, von der Lagerstärke abgesetzt" die Häftlinge täuschen zu können, kam jedoch nie­mals auf den Gedanken, daß unter den Häftlingen in der Po­litischen Abteilung sehr schnell ein Weg gefunden wurde, ein­wandfrei den Verbleib der ,, Abgesetzten" festzustellen. Im Block 56, wo in den letzten Jahren die Politische Abteilung neben der Desinfektion untergebracht war, ließen sich an Hand der Häft­lingsnummern, die aus den vom Krematorium zurückgelieferten Kleidungsstücken angebracht waren, durch die vorhandenen Listen sofort die Namen aller im Krematorium Verbrannten feststellen.

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