Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
287
Einzelbild herunterladen

jeder

eugen,

it der

? Es

und

endes

teuils

Dort

echten

anzig mder zähes,

e mit­

s Ge­

gen in

auber­

Dreht

chen­

über­

n auf

Führer leise,

nd die

Idigen

t sich

, ihre

ie Er­

nd sie

en sie

takel­Mensch,

m die

Brust, uf der

Muse

in auf arvung

eneral­

Was ist aus dem Herrn Reichsmarschall, dem prallen Moloch der Macht, geworden? Die leeren Säcke aus Menschenhaut und Uniformstoff schlagen um das ungeduldige körperliche Über­bleibsel traurige Falten. Ein abgrundböses Auge irrlichtert durch die Szene und tastet die spröde Umwelt ab, ob sich hier denn gar kein Narrenvolk mehr vergewaltigen ließe. Ja, dieser teuflische Blick, das ist jener von der Vernunft losgelöste Wille, der sich in grausamer Menschenverachtung zum Herrn über alle Kreaturen und alle Schätze der Erde aufwerfen wollte. Und die anderen? Frau Klio hat in ihrem Höllenkoffer Drittes Reich zu wenig Originalmasken gehabt, die noch jetzt nach der Sintflut infernalische Bedeutung vortäuschen könnten. Ribbentrop , der hochfahrende Europareisende in Champagner und Völkerblut, spielt den dienernden Handlungsgehilfen, der jetzt leider durch eine unverständliche Pleite die Stellung ver­loren hat. Mancher spielt auch gar nichts, sondern gibt sich nackt als die Erbärmlichkeit, die er ist.

Ich aber schließe die brennenden Augen und schalte das laufende Band der eigenen Gesichte nach rückwärts. Jetzt drehe ich zwei Jahre zurück, überfliege Zeit- und Zonengrenze und lande in der Bellevuestraße in Berlin am Potsdamer Platz .

Wieder brennt eine heiße Frühe über Trümmerfeldern. In dem schwülen Amtszimmer tagt der Volksgerichtshof der Hakenkreuz- Diktatur. Die Büste Hitlers gespenstert mit wüsten Kinnbacken vor seiner bluttriefenden Fahne. Die Richter haben sich in ihren blutroten Roben verschanzt, ihre schneiden­den Blicke suchen, wen sie ohne viel Aufwand töten können, der erste Senat hat heute noch viele Todeskandidaten zu er­ledigen. Einer von ihnen bin ich. Freisler, der Großmeister des forensischen Terrors, springt auf und läßt den berühmten Solitär auf seinem Ringfinger blitzen. Dieses hier ist kein Kammerspiel Gottes, sondern ein Veitstanz toller Menschen. Aber ich bin in ihrer Macht und erbebe vor dieser blutigen Demontage der Schöpfung.

Doch Gottes hilfreicher Zeitenengel reißt mich los und trägt mich wieder auf den letzten Parteitag in Nürnberg , und Hitler ist mit seiner Fahne verbrannt, und Freisler ist ausgelöscht, und die Schergen warten auf das Schwert des Gerichts.

,, Weißt du noch, wie wir vor Freisler standen?" flüstert meine Frau. Ich schüttle den Kopf. Sei still, meine Seele, und triumphiere nicht. Sei bescheiden mein Herz, und brüste dich nicht. Auch wir Sieger über Freisler sind geschlagen. Ich greife

287