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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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mappe und Handtasche nach Utensilien der Gewalt; jeder Deutsche ist verdächtig. Sind wir Zuschauer oder Zeugen, Gäste oder Angeklagte, Richter oder Verteidiger?

Ein Weißhelm öffnet die letzte Pforte, und die Weichheit der Teppiche verschluckt den Schritt. Höre ich Sphärenmusik? Es ist nur die magische Dissonanz zwischen Lautsprecher und Naturstimme. Wir zwängen uns in ein sanft ansteigendes Theaterparkett, wir lassen uns in den Klappsitz des Fauteuils fallen und wagen einen vorsichtigen Blick auf die Bühne. Dort ist eine weitläufige Tribunalszene aufgebaut, auf der rechten Querseite das erhöhte Gericht, auf der linken die zwanzig Satans- Marionetten der deutschen Tragödie, dazwischen der breite forensische Markt. Der Prozeß hat ein langes, zähes, nur noch manchmal aufgepeitschtes Leben.

Es dauert eine Weile, bis man in dieser Atmosphäre mit­atmen kann. Zappelt man nicht selber am Draht des Ge­schehens, durch Bügel, Muschel und Strippen eingefangen in die Telephonie des Schicksals? Jeder kann mit einem Zauber­kästchen spielen, das neben dem Sitz zur Schaltung lädt. Dreht man die Zeiger richtig, so ist die alte babylonische Sprachen­verwirrung durch den polyglotten Trick der Technik über­wunden: man hört in der eigeen Sprache mit, was drüben auf der Szene in der fremden Sprache dem Munde der Wortführer entflieht, und man hört es so blitzartig, so laut und so leise, wie man will.

Also da sitzen sie nun als Strandgut der Historie, und die Bretter, auf denen sie die klägliche Rolle der Unschuldigen spielen wollen, bedeuten nicht mehr die Welt. Es lohnt sich schon, den Operngucker zu bemühen und ihre Gestalten, ihre Physiognomien von heute ganz nahe an das Auge und die Er­innerung heranzuholen. Denn hinter unseren Stirnen sind sie noch in den grellen Indianerkostümen lebendig, in denen sie zwölf Jahre lang diese bombastischen und blutigen Spektakel­stücke aufführten. Ach, wie jämmerlich ist doch der Mensch, den wir so gern für Gottes Ebenbild halten. Nimm ihm die Sterne und Schärpen, das Blendwerk der Macht, von der Brust, und der Mensch ist nur noch ein Bastard Gottes auf der Hintertreppe des Lebens. Vielleicht ist Frau Klio, die Muse im Purpurgewand der Historie, nur eine feile Gauklerin auf dem Jahrmarkt der Nichtigkeiten. Diese Nürnberger Entlarvung wirkt als Kammerspiel Gottes, als eine sehr irdische General­probe des Jüngsten Gerichts.

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